• vom 04.04.2017, 16:35 Uhr

Syrien - Ein zerstörtes Land

Update: 06.04.2017, 13:21 Uhr

Syrien

"Niemand weiß, wie viele Menschen getötet worden sind"




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Von Jan Kuhlmann / dpa / WZ Online

  • Nach dem Giftgaseinsatz ist die Waffenruhe endgültig gescheitert.

Die Bilder aus Syrien sind kaum zu ertragen. Sie zeigen Opfer eines Luftangriffs auf ein Rebellengebiet, bei dem Giftgas eingesetzt worden sein soll. In einem Film liegen die Leichen von mehreren Kindern nebeneinander, fahle Gesichter mit halb geöffneten Mündern und starren Augen. Äußerliche Verletzungen sind an ihnen nicht zu erkennen, jedenfalls nicht in dieser Sequenz. Auf einer anderen Aufnahme behandelt ein Helfer ein kleines Kind, vielleicht zwei Jahre alt, mit Sauerstoff, um sein Leben zu retten. Das Kind zittert am ganzen Körper.

Über Stunden kursierten am Dienstag immer neue Opferzahlen aus der Stadt Khan Sheikhoun (Chan Scheichun) im Nordwesten Syriens durch die sozialen Medien. Die als zuverlässig bekannte Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zählte 58 Tote und Dutzende Verletzte, viele in ernstem Zustand. Andere Quellen meldeten sogar 100 Tote und 400 Verletzte. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

"Niemand weiß, wie viele Menschen getötet worden sind", berichtet der Aktivist Abu Majd al-Chani, der in der angegriffenen Stadt lebt. "Die Menschen können das Gebiet nicht ohne Masken erreichen, und wir haben keine Masken."

Allerdings sprechen auch die Aufnahmen, die im Internet kursieren, dafür, dass es eine große Zahl von Opfern gab. Auf manchen Bildern liegen die Opfer verstreut auf der Straße. Andere zeigen Opfer mit weißem Schaum vor dem Mund. In einem Video weist ein Arzt mit einer Taschenlampe auf die stark verkleinerten Pupillen eines Opfers - für ihn ein klares Anzeichen für einen Angriff mit Giftgas.

Auch die große Zahl der Bilder von Opfern im Internet lässt kaum Zweifel zu, dass in Khan Sheikhoun tatsächlich Giftgas ausgeströmt ist. Israelische Experten vermuten, dass bei dem Angriff das Nervengas Sarin eingesetzt wurde. "Wenn es wirklich Sarin war, bedeutet dies, dass weiterhin bedeutsame und hochgefährliche Bestände chemischer Waffen in Syrien versteckt werden", sagt Danny Shoham vom Begin-Sadat-Zentrum für strategische Studien.

Wer aber ist dafür verantwortlich? Oppositionelle Aktivisten beschuldigen die syrische Luftwaffe. Die Menschenrechtler machen dazu keine Angaben. Und Syriens Armee selbst weist den Vorwurf zurück. Die syrische Armee besitze überhaupt keine Chemiewaffen mehr, sagt ein General der Regierungsstreitkräfte.

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass Syriens Armee in dem sechsjährigen Bürgerkrieg Giftgas benutzt. Erst im vergangenen Monat war ein Bericht der UNO-Menschenrechtskommission zu dem Schluss gekommen, dass Regierungskräfte in den vergangenen Monaten mehrfach Gebiete von Rebellen mit Chlorgas bombardierten. Keine Hinweise fanden die Ermittler hingegen dafür, dass Syriens enger Verbündeter Russland für Giftgasangriffe verantwortlich war.

Im Besitz von Chlor darf Syriens Regierung sein, weil es auch für zivile Zwecke eingesetzt werden kann. Alle anderen Arten von Chemiewaffen sind dem Land hingegen verboten.

Im August 2013 starben beim bisher schwersten Einsatz von Giftgas im Bürgerkrieg in einem Rebellengebiet östlich von Damaskus rund 1400 Menschen. Die USA drohten damals mit einem Militäreinsatz gegen Präsident Bashar al-Assad. Syrien stimmte am Ende zu, alle Chemiewaffen zu vernichten.

Aber hat die Regierung das auch tatsächlich getan? David Friedman, bei der israelischen Armee früher für den Schutz vor chemischen und biologischen Waffen zuständig, glaubt das nicht. Man könne davon ausgehen, dass das syrische Regime weiterhin über Vorräte an Sarin- und Senfgas verfüge, sagt er.

Die von Russland und der Türkei ausgehandelte Waffenruhe, die den Weg zu einer politischen Lösung für den blutigen Konflikt bahnen soll, könnte nach diesem Angriff endgültig gescheitert sein. In den vergangenen Wochen war sie ohnehin immer brüchiger geworden.





Schlagwörter

Syrien, Giftgas, Sarin, Khan Sheikhoun

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-04-04 16:39:41
Letzte Änderung am 2017-04-06 13:21:28




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