• vom 07.04.2017, 18:04 Uhr

Syrien - Ein zerstörtes Land

Update: 07.04.2017, 18:55 Uhr

Donald Trump

Wenn das Herz Raketen schickt




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

  • In der amerikanischen Öffentlichkeit stiften die Luftschläge gegen das syrische Regime eine Mischung aus Beifall und Verwirrung.

Washington/PalmBeach. So schnell kann’s oft gehen. Wiewohl streng konservativ, zählt der "Weekly Standard" nicht eben zu jenen Blättern, denen man einen Schmusekurs mit dem Weißen Haus vorwerfen kann. Das 1995 gegründete Wochenmagazin gilt von jeher als Sprachrohr der sogenannten "Neocons", der amerikanischen Neo-Konservativen, die jede Politikinitiative zuerst daran messen, ob sie der globalen Vormachtstellung der USA dienlich ist oder nicht.

Während des vergangenen Wahlkampfs hatten sich seine Kommentatoren als teils lautstarke Trump-Skeptiker hervorgetan. Die nationalistische, isolationistische Rhetorik des Ex-Reality-TV-Stars war ihnen, die bis heute Leute wie die für den Irak-Krieg maßgeblich verantwortlichen Condoleezza Rice und Dick Cheney für ihre immerwährende Bereitschaft zum Interventionismus verehren, ein Dorn im Auge. Seit der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat es mit diesem Skeptizismus des "Weekly Standard" gegenüber Trump ein Ende.


Alles, was es dazu brauchte, waren 59 Raketen, abgeschossen kurz vor vier Uhr morgens Ortszeit Damaskus von den im östlichen Mittelmeer kreuzenden Flugzeugträgern "USS Ross" und "USS Porter". "Bisher war er nur der Präsident, aber nicht der Oberbefehlshaber. Endlich hat er seine Rolle als Führer der freien Welt akzeptiert", jubelte zwei Stunden später der Ex-Diplomat Elliott Abrams - als ehemaliger enger Mitarbeiter von Ronald Reagan und George W. Bush quasi eines der wandelnden Sinnbilder des traditionellen Establishments der Republikanischen Partei - in der Online-Ausgabe des Magazins.

Wenn Donald Trump mit seiner Entscheidung, als Reaktion auf den Einsatz von Giftgas durch offenbar Assad-treue Soldaten einen Flugplatz in Syrien zu bombardieren, jemandem eine Freude gemacht hat, dann Leuten wie Abrams. Ausgerechnet Trumps feurigste Anhänger tun seinen Neocon-Stamm doch nur zu gern als "Globalisten" ab, die die USA in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts mit ihrem Drang zum humanitär verbrämten Interventionismus angeblich an den Rand des Ruins gebracht haben.

Applaus der Eliten
Verstärkt wurde der Applaus der alten konservativen Eliten für den Militäreinsatz durch den Rest der Medien. Von Trumps Haus- und Hofsender Fox News über die Kommentatoren der drei großen Networks ABC, NBC und CBS bis zur "New York Times" fanden die Luftschläge gegen Syrien teils gehemmte, aber prinzipiell uneingeschränkte Zustimmung. Tenor: Trump habe angesichts der Folgen des Giftgaseinsatzes regierungstreuer Truppen in Khan Sheikoun "mit dem Herz entschieden", weil er dem "Leid der syrischen Kinder nicht tatenlos zuschauen wollte und konnte".

Die Frage, wie das mit der rigiden Einwanderungspolitik seiner Administration einhergeht, die genau diesen leidenden Kindern und ihren Eltern jegliche Chance auf politisches Asyl in den USA nimmt, ging, zumindest in den ersten Reaktionen, unter. Tatsache ist, dass der Militäreinsatz im Reich Assads - von dem die russische Regierung erfuhr, noch bevor das Weiße Haus das Abgeordnetenhaus und den Senat informierte - in politischer Hinsicht zu einem für Trump extrem günstigen Zeitpunkt gekommen. In den elf Wochen seiner Amtszeit gab es mit Ausnahme des Tages nach seiner Rede vor beiden Kammern des US-Kongresses praktisch keinen einzigen Zeitpunkt, in dem er und seine Regierung nicht unter massiver Kritik standen. Davon abgesehen, dass der Präsident mit der Syrien-Aktion die untereinander schwer zerstrittenen Fraktionen der Republikanischen Partei zumindest kurzfristig eint - an denen zuletzt die Abschaffung von Obamacare scheiterte -, verschafft sie ihm auch außenpolitisch eine kleine, aber signifikante Verschnaufpause.

Der Umstand, dass die Luftschläge zum Zeitpunkt des Besuchs von Chinas Präsident Xi Jinping erfolgten, ging ebenfalls nicht spurlos an der öffentlichen Wahrnehmung vorbei. Praktisch seit Trumps Amtsantritt verweisen er und sein Außenminister Rex Tillerson beständig auf das Problem Nordkorea, dessen Regime seine Nachbarländer mittlerweile in beängstigender Regelmäßigkeit nicht mehr nur mit kryptokommunistischer Kampfrhetorik, sondern mit Raketentests provoziert. Wie jetzt folgerichtig unter anderem die "Washington Post" ausführte, dient der Schlag gegen Assad so auch als Warnung an den Rest der Welt, dass Trump jederzeit losschlagen könnte.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-07 18:08:03
Letzte Änderung am 2017-04-07 18:55:32



Werbung



Idlib

Kämpfe in Idlib "unvermeidlich"

Radikaler Islamist hisst in Idlib Fahne der Hayat Tahrir al-Sham. - © reuters Damaskus/Moskau/Ankara. Gibt es doch noch Hoffnung, dass eine humanitäre Katastrophe von rund drei Millionen in Idlib eingeschlossenen Zivilisten... weiter




Syrien

Russischer Flieger abgeschossen - Putin beschwichtigt

Ein Flugzeug vom Typ Il-20 wurde von syrischen Raketen getroffen. - © afp Moskau/Tel Aviv. Der Abschuss eines russischen Aufklärungsflugzeugs vor der syrischen Küste belastet das Verhältnis zwischen Russland und Israel... weiter




Entmilitarisierte Zone

Syrische Regierung begrüßt Einigung zu Rebellenhochburg Idlib

20180918Idlib - © APAweb / Reuters, Ammar Abdullah Damaskus. Die syrische Regierung hat die Einigung Russlands und der Türkei zur Einrichtung einer entmilitarisierten Zone in der Rebellenhochburg Idlib... weiter




Syrien

Türkei rüstet Beobachtungsposten in Idlib auf

FILES-IRAN-SYRIA-RUSSIA-TURKEY-CONFLICT - © APAweb / AFP, Ewa Jaskiewicz Idlib. Die Türkei hat einem Medienbericht zufolge einen ihrer Beobachtungsposten in der syrischen Rebellenbastion Idlib stark aufgerüstet... weiter




Syrien

Schweizer Waffen - auch für Bürgerkriege?

Wien. Granaten, Sturmgewehre, Raketenabwehr: Geht es nach dem Schweizer Bundesrat, sollen Waffen in Zukunft auch in Länder mit Bürgerkriegen... weiter




Idlib

UNO wollen Angriffen auf Hospitäler und Schulen vorbeugen

20180913idlibb - © APAweb/REUTERS, Khalil Ashawi Genf. Die Vereinten Nationen haben Russland, den USA und der Türkei die GPS-Daten von über 200 Krankenhäusern und Schulen in der syrischen Region... weiter




Syrien

Assads tödlichste Waffe

Ankara/Teheran/Damaskus. Der syrische Diktator Bashar al-Assad hat wenig Hemmungen, international geächtete Waffen einzusetzen: Am Wochenende warfen... weiter





Twitter Wall



Werbung