Zankapfel Ukraine

Und dann ist da noch das Thema Ukraine, das für Moskau besonders emotional besetzt ist. Einen Rückzug aus der Krim, wie ihn die USA fordern, kann sich Putin nicht leisten, ein Entgegenkommen in der Ostukraine - etwa im Zuge eines UNO-Blauhelmeinsatzes - wäre aber vorstellbar. "Ein ziemlich wahrscheinliches Ergebnis des Gipfels könnte sein, dass Moskau und Washington die Anzahl der Diplomaten wieder auf den ursprünglichen Stand heben", mutmaßt Gärtner. Im Zuge der Skripal-Affäre hatten Washington und Moskau dutzende Diplomaten ausgewiesen.

Vor dem Treffen in Helsinki kamen Trump und Putin bereits in Danang in Vietnam und Hamburg kurz zusammen. afp - © AFP
Vor dem Treffen in Helsinki kamen Trump und Putin bereits in Danang in Vietnam und Hamburg kurz zusammen. afp - © AFP

Aber ist das tatsächlich alles, was zwischen Washington und Moskau, den alten Konkurrenten, möglich ist? Manche Beobachter zeichnen hinter den aktuellen Geschehnissen ein größeres Bild. Sie erinnern an die US-Politik Anfang der 1970er-Jahre. Damals hatten der republikanische Präsident Richard Nixon und sein Außenminister Henry Kissinger außenpolitisch ein neues Kapitel aufgeschlagen. Sie holten das kommunistische China unter Diktator Mao Zedong aus der Isolation. Nicht ohne Hintergedanken: China und die Sowjetunion waren damals nur scheinbar verbündet. Mit einer Aufwertung des aus amerikanischer Sicht damals noch harmlosen Reichs der Mitte ließ sich Druck auf den wahren Gegner Moskau ausüben.

Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt: Der Sowjet-Reststaat Russland ist zwar immer noch eine waffenstarrende Großmacht, aber eine auf tönernen Füßen. Die russische Wirtschaft ist schwach, die Bevölkerungszahl gering, dafür die Fläche des Landes gewaltig. In Moskau geht die Angst um, dass Sibirien früher oder später an die aufstrebende Wirtschaftsmacht China mit ihrer Milliarde Menschen fällt. Die USA fürchten heute weniger Moskau als Peking.

Was läge näher, als den Nixon-Kissinger-Coup zu wiederholen, nur diesmal mit umgekehrten Vorzeichen? Also Russland zu einem wohlwollenden Verbündeten gegen das aufstrebende China zu machen?

"Ich glaube nicht, dass Trump ein Taktiker wie Nixon und Kissinger ist", sagt Gärtner. "Die hatten eine Politik verfolgt, die ein Gleichgewicht der Mächte anstrebte. Trump dürfte nicht so denken. Was er will, ist ‚America first‘", vermutet Gärtner. Tatsächlich ist nur schwer vorstellbar, dass Moskau seine Allianz mit China ausgerechnet für den Erzfeind USA aufgibt.

"Trump will ein bilaterales Treffen mit Putin schon deshalb, weil Ex-Präsident Obama das nicht geschafft hat. Er will ganz einfach alles anders machen als Obama." Dazu kommt, dass Putin Trump nach mehr als 18 Jahren Erfahrung in der internationalen Politik verhandlungstaktisch deutlich überlegen sein dürfte. Putin hat nun auch die Möglichkeit, sich als vergleichsweise berechenbarer, seröser internationaler Player zu präsentieren.