In Idlib leben bereits jetzt 1,4 Millionen Vertriebene aus anderen Landesteilen Syriens. Viele von ihnen sind unter erbärmlichen Umständen in improvisierten Zeltstädten untergebracht. - © afp
In Idlib leben bereits jetzt 1,4 Millionen Vertriebene aus anderen Landesteilen Syriens. Viele von ihnen sind unter erbärmlichen Umständen in improvisierten Zeltstädten untergebracht. - © afp

Damaskus/Moskau. Die Krankenhäuser sind beschädigt, die Anrainer auf Hilfsgüter angewiesen und die Fluchtrouten in die Türkei blockiert: Wenn die syrische Regierung Ernst macht mit einer Offensive auf die Rebellenbastion Idlib, droht dort eine humanitäre Katastrophe.

Hilfsorganisation fürchten eine Wiederholung des Szenarios von Homs, Aleppo oder Ost-Ghouta, wo Machthaber Bashar al-Assad systematisch die zivile Infrastruktur zerstören ließ, bevor er die Rebellenhochburgen schließlich einnahm. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres zeigte sich kürzlich "zutiefst besorgt über das wachsende Risiko einer humanitären Katastrophe im Fall einer umfassenden Militäroperation in Idlib". Auch der UNO-Hilfskoordinator John Ging warnte, eine Offensive werde im schlimmsten Fall eine "humanitäre Notlage von einem Ausmaß schaffen, wie wir es während dieser Krise noch nicht erlebt haben".

In die Warnungen stimmte auch US-Präsident Donald Trump ein. "Präsident Bashar al-Assad von Syrien darf die Provinz Idlib nicht unbesonnen angreifen", schrieb Trump im Kurznachrichtendienst Twitter. Russland und der Iran würden einen schweren humanitären Fehler machen, wenn sie sich als Verbündete des syrischen Regimes an dieser potenziellen menschlichen Tragödie zu beteiligen.

"Die syrische Armee ist bereit"

Nach Angaben des UNO-Syrien-Gesandten Staffan de Mistura leben 2,9 Millionen Menschen in Idlib, davon 1,4 Millionen Vertriebene aus anderen Landesteilen. Unter ihnen sind zehntausende, überwiegend islamistische Rebellen, die nach der Einnahme von einstigen Rebellenhochburgen wie Aleppo, Ost-Ghouta oder zuletzt Deraa nach Idlib gebracht wurden. Da die Region im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei das letzte Gebiet unter Kontrolle der Rebellen ist, gibt es in Syrien für sie keine Ausweichmöglichkeit mehr.

Am Dienstag flogen russische Kampflugzeuge bereits mehr als 40 Luftangriffe auf 20 Gebiete in Idlib. Die syrische Armee sei bereit, das Problem des "Terrorismus" in Idlib zu "regeln", sagte Kreml-Sprecher Dimitri Peskow im Anschluss daran gegenüber der Agentur Interfax. Angriffe der syrischen Luftwaffe auf Idlib gibt es allerdings schon seit Monaten und neben Stellungen der Rebellen geraten dabei auch immer wieder Krankenhäuser ins Visier. In den ersten sechs Monaten des Jahres zählte die UNO 38 Attacken auf medizinische Einrichtungen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in den Gebieten, die demnächst angegriffen werden könnten, nur noch die Hälfte der medizinischen Einrichtungen funktionsfähig.