"Wiener Zeitung": Auf welche Herausforderungen stößt das UN-Flüchtlingshilfswerk im Libanon bei der Unterstützung syrischer Flüchtlinge?

Mireille Girard: Wir haben Schwierigkeiten, adäquate Unterkünfte bereitzustellen. Die Landbesitzer wollen nicht, dass auf ihrem Land permanente Einrichtungen entstehen, daher können die Hilfsorganisationen nur temporäre Unterkünfte und Infrastruktur aufbauen. Wir können keine ordentlichen Wasserleitungen verlegen oder eine ordentliche Senkgrube anlegen und können den Menschen keine Strukturen bieten, die eine längerfristige, würdevolle Existenz ermöglichen. Es gibt keine befestigten Wege, niemand will in zementierte Wege investieren, es sickert Wasser in manche Zelte. Die große Herausforderung für uns ist der Winter. Wenn der Schnee auf die Zeltdächer fällt, dann können die Zelte unter der Schneelast zusammenbrechen. Wir stellen zwar Geld für Brennstoff für Öfen bereit, aber die Plastikplanen halten die Wärme natürlich nicht.

Wollen die Menschen zurück nach Syrien, hier im Libanon bleiben oder nach Europa gehen?

Die Mehrheit will hier bleiben. Kanada bietet Umsiedlungsprogramme an, aber wir erleben es immer wieder, dass Menschen sagen, ich habe meinen Verwandten hier, ich kann die doch nicht im Stich lassen. Manche sind aber wirklich verzweifelt: Denken Sie an Diabetiker, die Dialyse brauchen. Wir versuchen jene, die am gefährdetsten sind, umzusiedeln. Sie können ja wieder nach Syrien zurückkehren, wenn dort eines Tages Frieden herrscht, aber in der Zwischenzeit sind sie zumindest versorgt.

Können Sie den Menschen ausreichend Unterstützung bieten?

Wir können den Gefährdetsten helfen, aber unsere Hilfe reicht nicht aus. Immerhin können wir ihnen das Überleben sichern. Flüchtlinge dürfen im Libanon nicht arbeiten, sie haben somit kein Geld. Und dann schlittern sie in eine Schuldenspirale. Die Nahrungsmittelrationen mussten ja wegen mangelnder finanzieller internationaler Hilfe gekürzt werden, und es gibt erst seit dieser Woche wieder volle Rationen. Das war ein dramatischer Schritt. Die Menschen kommen mit ihren Kriegstraumata hierher, und es gibt wenig Aussicht auf einer Verbesserung der Situation. Die Hilfe für die 1,067 Millionen registrierten Flüchtlinge im Libanon reicht bei weitem nicht aus. Dazu kommen noch 100.000 bis 200.000 nicht-registrierte Flüchtlinge.

Können Sie einen Stimmungswandel bei den Flüchtlingen seit der Waffenruhe feststellen?

Es gibt gestiegene Erwartungen. Immerhin: Es gibt nun den Versuch eines Friedensprozesses. Aber allen - den Flüchtlingen, den Hilfsorganisationen, der intentionalen Staatengemeinschaft - ist klar, dass die Krise noch mehrere Jahre andauern wird, selbst wenn die Waffen heute schweigen. Das Problem für die syrischen Bürger wird dadurch verstärkt, dass die Grenzbalken überall niedergehen. Daher wird das illegale Schlepper-Business zunehmen; die Menschen zahlen jeden Preis und gehen jedes Risiko ein, um aus den Konfliktgebieten herauszukommen.

Wie ist die Stimmung der Libanesen gegenüber den Flüchtlingen?

Die Gastfreundschaft war in diesen sechs Jahren des Krieges unglaublich. Aber die Flüchtlinge leben in den ärmeren Gegenden des Libanon, wir müssen daher auch die lokalen Dorfgemeinschaften unterstützen, sonst kommt es zu Spannungen. Wir glauben, die Menschen brauchen Arbeitsmöglichkeiten - ohne in Konkurrenz zu den lokalen Arbeitern zu treten. Wenn die internationale Staatengemeinschaft dem Libanon und Jordanien hilft, hilft das allen: den Libanesen, Jordaniern und den Flüchtlingen.