• vom 18.12.2015, 16:42 Uhr

Libanon

Update: 04.01.2016, 11:04 Uhr

Libanon

"Nicht eine verlorene Generation, sondern viele"








Von Siobhan Geets

  • Gawaher Atif vom World Food Programme in Beirut über Nahrungsmittelkürzungen, den Mangel an Schulplätzen und die Aussichten für 2016.

Ein Dutzend Frauen trifft sich in einer Schule im Ort Saadnayel. Die meisten syrischen Flüchtlinge leben in der Bekaa-Ebene nördlich von Beirut. - © Geets

Ein Dutzend Frauen trifft sich in einer Schule im Ort Saadnayel. Die meisten syrischen Flüchtlinge leben in der Bekaa-Ebene nördlich von Beirut.
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Der syrische Flüchtling Hamoud mit zwei seiner Töchter vor der Herberge in der Saadnayel-Siedlung in der Bekaa-Ebene nahe der Hauptstadt Beirut.

Der syrische Flüchtling Hamoud mit zwei seiner Töchter vor der Herberge in der Saadnayel-Siedlung in der Bekaa-Ebene nahe der Hauptstadt Beirut.© Geets Der syrische Flüchtling Hamoud mit zwei seiner Töchter vor der Herberge in der Saadnayel-Siedlung in der Bekaa-Ebene nahe der Hauptstadt Beirut.© Geets

Wiener Zeitung: Wieso hat sich die Versorgungslage im Libanon heuer dermaßen verschlechtert?
Wir haben mehr Menschen, als wir ernähren können. Von Jänner bis Juni wurden die Guthaben auf den Food-Cards, die die Menschen für dringend benötigte Nahrungsmittel einlösen können, von 27 Dollar monatlich um die ein Drittel reduziert. Im Sommer wurden sie sogar halbiert. Seit Oktober sind wir bei 21,6 Dollar pro Person, können aber weniger Flüchtlinge unterstützen. Anfang des Jahres waren es im Libanon mehr als 900.000, heute sind es weniger als 600.000. Nur noch die Bedürftigsten bekommen Ernährungshilfe.
Was bedeutet das für die Menschen?
27 Dollar garantieren 2100 Kalorien pro Tag, heute sind die Menschen unterernährt. Man beginnt, die Auswirkungen zu sehen. Immer mehr Flüchtlingshaushalte haben kaum noch Erspartes, verkaufen was sie haben. Im Sommer hatten die Menschen ab Mitte des Monats nichts mehr zu essen.
Wie haben Sie festgestellt, wer die Bedürftigsten sind?
Unsere Mitarbeiter haben mehr als 100.000 Haushalte besucht, um festzustellen, wer etwa Schulden hat, wer die Ärmsten sind, wer abends hungrig zu Bett gehen muss. Wir müssen das leider fragen, weil unsere Mittel einfach nicht für alle ausreichen und wir uns auf die Allerbedürftigsten konzentrieren müssen.
Nicht nur die syrischen Flüchtlinge brauchen Hilfe, auch im Libanon leben viele unter der Armutsgrenze…

Ja, auch arme Libanesen müssen durch unserer Nahrungsprogramm unterstützt werden. Heute bekommen mehr als 27.000 Libanesen Food-Cards. Kommendes Jahr wollen wir die Zahl verdoppeln, wenn es unsere Finanzlage zulässt. Das wird entscheidend sein, denn auch der Libanon hat die Krise in Syrien zu spüren bekommen. Die Exporte wurden Großteils blockiert, die Wege durch Syrien sind versperrt, der Tourismus leidet.
Kommt es da nicht zu Spannungen zwischen Flüchtlingen und Libanesen?
Natürlich gibt es Spannungen, aber zumindest sind die Menschen hier in Sicherheit. Die Großzügigkeit der Libanesen ist riesig. Es sind ja schon lange Syrer im Land, früher als Arbeitsmigranten auf dem Bau, in Geschäften und in der Landwirtschaft. Als Flüchtlinge bekommen Syrer aber keine Arbeitserlaubnis.

Gehen zumindest die Kinder zur Schule?
NGOs und Unicef betreiben informelle Schulen. Eigentlich sollten 200.000 syrische Kinder in die Schule gehen, es gibt aber nicht genug Plätze. Es gibt hier viele verlorene Generationen, nicht nur eine. Wie sollen jene, die nie in die Schule gingen, später ihr Land wieder aufbauen und etwas zur Gesellschaft beitragen?
Wie sieht Ihre Prognose für 2016 aus?
Es kommen so gut wie keine Flüchtlinge mehr ins Land. Die Regierung hat UNHCR aufgrund der hohen Belastungen dazu aufgefordert, keine neu ankommenden Flüchtlinge mehr zu registrieren. Die Grenzen nahezu geschlossen sind, sodass die Menschen gleich in andere Länder fliehen.
Es darf nur noch in Ausnahmefällen eingereist werden, das betrifft etwa Kinder, deren Eltern bereits hier sind. Was die finanzielle Unterstützung des WFP angeht, so haben wir noch nicht genügend Mittel zugesagt bekommen, um die Flüchtlinge ausreichend zu unterstützen. Im ersten Quartal sollten wir in der Lage sein, 600.000 Menschen mit 21,6 Dollar Nahrungshilfe im Monat zu versorgen. Das erfüllt nur 80 Prozent vom Minimalbedarf der Menschen. Was danach passiert ist noch völlig unklar. Wir geben unser Bestes, um für 2016 so viele Gelder einzutreiben, damit wir wenigstens die aktuelle Hilfe aufrechterhalten können.
***

Gawaher Atif: Die in Kairo, Ägypten, geborene Kanadierin leitet das Büro der UN-Hungerhilfe (WFP) in Beirut. Sie studierte Anthropologie an der McGill Universität sowie an der amerikanischen Universität in Kairo und kann auf 25 Jahre Arbeitserfahrung im Bereich internationale humanitäre Hilfe zurückblicken. Atif arbeitete unter anderem in Mauretanien und Simbabwe. Seit knapp zehn Jahren ist sie für die Vereinten Nationen tätig.

Rund 200.000 syrische Kinder im Libanon sollten in die Schule gehen, es gibt aber nicht genug Plätze.

Rund 200.000 syrische Kinder im Libanon sollten in die Schule gehen, es gibt aber nicht genug Plätze.© Geets Rund 200.000 syrische Kinder im Libanon sollten in die Schule gehen, es gibt aber nicht genug Plätze.© Geets

Syrische Kinder beim Spielen in der Saadnayel-Siedlung, Bekaa-Ebene.

Syrische Kinder beim Spielen in der Saadnayel-Siedlung, Bekaa-Ebene.© Geets Syrische Kinder beim Spielen in der Saadnayel-Siedlung, Bekaa-Ebene.© Geets






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Dokument erstellt am 2015-12-18 16:44:14
Letzte Änderung am 2016-01-04 11:04:52



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