Kiew. (gf/apa) Der Stahlbeton hat längst Risse bekommen. Was 1986 hastig um die Ruine von Reaktor 4 errichtet worden war, um die enorme Radioaktivität einzudämmen, hat dem Wetter und der Dauerbestrahlung nicht standgehalten. Der sogenannte Sarkophag des Atomkraftwerks Tschernobyl würde noch 15 Jahre halten, versichern die ukrainischen Behörden - allerdings nur, weil mittlerweile Stahlgerüste die wacklige Betonkonstruktion stützen, die sonst wahrscheinlich schon eingestürzt wäre.
http://www.wienerzeitung.at/default.aspx?tabID=5394&alias=Dossiers">http://www.wienerzeitung.at/default.aspx?tabID=5394&alias=Dossiers" target="_blank">Dossier: Tschernobyl: 25 Jahre danach

Die ukrainische Aktivistinnengruppe "Femen", die schon öfter Nacktheit als Mittel des Protestes benutzt hat, demonstrierte in Kiew gegen Atomkraft und Regierung. Foto: reu
Die ukrainische Aktivistinnengruppe "Femen", die schon öfter Nacktheit als Mittel des Protestes benutzt hat, demonstrierte in Kiew gegen Atomkraft und Regierung. Foto: reu

Eine neue Schutzhülle soll daher bis 2015 fertig werden, ein Stahlbogen gewaltigen Ausmaßes. Mindestens 108 Meter hoch soll er sein (der Wiener Stephansdom hat 136 Meter), und er soll wegen der Strahlenbelastung ein paar hundert Meter von der Atomruine entfernt gebaut werden. Dann soll die Hülle als Ganzes auf Schienen über den Reaktor geschoben werden.

Das Riesenbauwerk, das eine Haltbarkeit von rund 100 Jahren aufweisen soll, verschlingt auch Riesensummen. Eine knappe Milliarde Euro wird allein für die Hülle benötigt, das gesamte Sanierungsprogramm, das auch Instandhaltungsarbeiten, die Entgiftung des Geländes und ein Atommüll-Zwischenlager umfasst, würde mehr als 1,5 Milliarden kosten.

Diese Summe kann die wirtschaftlich marode Ukraine bei weitem nicht allein aufbringen. Von einer Geberkonferenz, die am Dienstag knapp vor dem Jahrestag der Katastrophe stattfand, erhoffte man sich ausländische Hilfe in der Höhe von 740 Millionen Euro. Eingebracht hat sie nur 550, anderen Angaben zufolge 575 Millionen. Der französische Ministerpräsident Francois Fillon, Co-Präsident der Geberkonferenz, sprach dennoch von einer "bemerkenswerten Summe", weil die Finanzkrise bei jeder Volkswirtschaft Spuren hinterlassen habe. Von der EU wurden 110 Millionen zugesagt, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung steuert 120 Millionen bei. Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch hofft, dass noch mehr zusammenkommen wird.

Festhalten an AKW

Die Konferenz ist der Auftakt einer Woche, in der die Ukraine an die bisher schlimmste Atomkatastrophe erinnert. Am Mittwoch findet in Kiew eine Konferenz über atomare Sicherheit statt, an der unter anderem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon teilnehmen wird. Er wird auch die atomare Sperrzone um Tschernobyl besuchen.

"Weder die Ukraine noch die Weltgemeinschaft haben das Recht, die Antworten auf die Fragen zu verweigern, mit denen uns Tschernobyl konfrontiert hat", sagte Janukowitsch. Allerdings stehe die Atomkraft für die Ukraine nicht infrage, sagte Janukowitsch. Er begründete dies damit, dass es seit Tschernobyl keine Funktionsstörung an den vier Kernkraftwerken seines Landes gegeben habe. Zur Atomkatastrophe im japanischen AKW Fukushima 1 schreibt Janukowitsch in einem Gastbeitrag für den Berliner "Tagesspiegel", dieser Unfall sei "eine Folge des unverantwortbaren Risikos, Nuklearkraftwerke in einer geologisch aktiven Region zu bauen".

Die Ukraine deckt ihren Strombedarf zu rund 50 Prozent aus den 15 Reaktoren an vier Standorten. Erneuerbare Energien spielen in dem Land bisher dagegen kaum eine Rolle.

Auch das benachbarte Weißrussland, gleichfalls von den Auswirkungen Tschernobyls getroffen, will daran festhalten, Atomstrom zu erzeugen. Mitte März hat die weißrussische Regierung mit Russland den Bau des ersten Meilers in der Ex-Sowjetrepublik fixiert. Die Führung in Minsk ließ sich dabei weder von Protesten von Umweltschützern beirren noch durch eine größere Abhängigkeit von Moskau, das bei dem Milliardenprojekt Regie führt - im Gegenteil wird die Entscheidung für die Atomenergie mit der großen Abhängigkeit von russischem Gas begründet.

Italien verzichtet

Ihre Atompläne vorläufig aufgegeben hat hingegen die italienische Regierung unter Silvio Berlusconi. Nach dem im März beschlossenen einjährigen Moratorium für die Suche nach Standorten für neue Atomkraftwerke reichte das Mitte-Rechts-Kabinett dem Senat am Dienstag einen Antrag ein, mit dem alle bisher geltenden Gesetze bezüglich des Baus neuer Atommeiler außer Kraft gesetzt werden. Mit diesem Schritt will Berlusconi eine am 12. Juni geplante Volksabstimmung zur Atomkraft abwenden. Die Regierung hatte 2008 den Wiedereinstieg in die Atomenergie beschlossen.