Kiew. Anatoli Kalyagin ist jemand, den man gemeinhin als "lässigen Typen" bezeichnet. Die graue Mähne zu einem Zopf zusammengebunden, den linken Ellenbogen aufgestützt, immer ein gemütliches Lächeln auf den Lippen, eine Frohnatur eben. Innendrin ist hingegen vieles kaputt, vor allem die Gesundheit.

Ein Graffito auf der Wand eines Gebäudes in der Geisterstadt Pripyat. Im Hintergrund der Unglücksreaktor von Tschernobyl. - © epa/Sergey Dolzhenko
Ein Graffito auf der Wand eines Gebäudes in der Geisterstadt Pripyat. Im Hintergrund der Unglücksreaktor von Tschernobyl. - © epa/Sergey Dolzhenko

Als es Block 4 zerfetzte, hatte der damals 37-jährige Techniker gerade Dienst im Atomkraftwerk Tschernobyl. Seine Frau war daheim mit den zwei kleinen Kindern, nur drei Kilometer entfernt, in der Traumwohnung in Pripyat, ganz oben, mit Blick auf die Wälder und die Reaktoren. Mit einem Mal war Kalyagin kein normaler Arbeiter mehr, sondern ein Liquidator, einer, der den radioaktiven Super-GAU höchstpersönlich beseitigen musste.

"Die Stadt war jung, wir waren jung"

Sie lebten ein nahezu perfektes Leben, die Kalyagins, ein Leben, dass man in der übrigen Sowjetunion nicht einmal zu träumen wagte. "Es herrschten paradiesische Zustände. Überall war Wald, am Wochenende gab's Picknick am See, es war herrlich", erinnert sich der heute 62-Jährige. "Die Stadt war jung, wir waren jung." Das Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren - ein Ort mit Zukunft und Visionen. "Im Kulturpalast gab es Literaturzirkel, wir hatten ein Theater, wo die Stars aus dem gesamten Land gespielt haben, wir hatten einen Jachtclub, spielten Volleyball und achteten auf gesunde Ernährung."

Auf einer Dienstreise sei es passiert, sagt Kalyagin, da habe er sich unsterblich verliebt - in Pripyat. Er fuhr heim, schnappte seine Frau, und mit nur zwei Koffern machten sie sich auf die Reise. Dann kamen die Kinder zur Welt, zuerst die Tochter, sechs Jahre später der Sohn - es konnte nicht mehr besser werden. Wurde es auch nicht. Denn am 26. April 1986 war alles aus. Mit einem Schlag und für alle Zeit. "Ich war einer der letzten, die eine Telefonverbindung vom AKW nach draußen bekam." Das hat seiner Familie das Leben gerettet. Die Kalyagins wussten Bescheid, sie konnten rechtzeitig flüchten. Anatoli blieb, er hatte keine Wahl.

Kampf ums Geld

Wenn er von den Aufräumarbeiten erzählt, dann bringt er gerne die eine Episode, wo sich er und Kollegen ausgerechnet am 1. Mai heftigst mit Schnaps zuprosteten, weil sie sich sicher waren, dass sie das alles nicht überleben würden. Dann zumindest noch einmal ordentlich ansaufen. "Es hat auch offenbar niemand damit gerechnet, dass so viele von uns Liquidatoren überleben", schlägt Kalyagin eine Brücke in seine Gegenwart. Denn die ist geprägt vom Kampf ums Geld. Sie bekämen vom Staat lediglich zehn Prozent der notwendigen Unterstützung. "Wir sind alle belogen worden, niemand kümmert sich um uns", vergisst Anatoli urplötzlich seine gute Laune.

Nach der großen und todbringenden Putzaktion am explodierten Reaktor von Tschernobyl war es für den Familienvater noch lange nicht zu Ende. "Ich habe auch am Bau des Sarkophags mitgearbeitet." Anschließend schickte man ihn für einige Zeit auf Kur, ab 1987 versah er dann wieder Dienst im AKW. Das ganze zog sich bis 1998, dann wurde Kalyagin aussortiert. "Ich sah plötzlich keinen Sinn mehr im Leben."

Doch er fand ihn wieder - und gründete eine NGO, die Liquidatoren im ganzen Land unter die Arme greift, und eine Internet-Zeitung, die gegen die Unwilligkeit der Regierung Sturm läuft und anprangert, dass die Akten des Super-GAUs immer noch unter Verschluss gehalten würden. Eine Herzoperation hat ihm dann wieder viel Kraft gekostet. Und Geld. Denn in der Ukraine gibt es keine Krankenversicherung, er musste sich den Betrag für den Schrittmacher von Freunden leihen.

Manchmal träumt er noch von Pripyat

25 Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl ist für Anatoli Kalyagin soweit alles wieder einigermaßen im Lot. Seiner Familie geht es gut, auch wenn die Kinder, wie er sagt, unter dem "Tschernobyl-Syndrom" leiden. "Sie sind gesund, aber bilden sich viele Krankheiten ein, weil sie glauben, verstrahlt zu sein." Er selbst muss jede Menge teure Medikamente schlucken und träumt manchmal noch von seinem Pripyat, als es noch keine Geisterstadt war sondern seine Heimat, steckt aber voller Tatendrang und kümmert sich aufopfernd um die vielen tausend Liquidatoren-Kollegen.

Diese vergessenen Helden, diese tragischen Gladiatoren, chancenlos gegen den unsichtbaren und übermächtigen Feind, sie darben heute meist weit unter dem Existenzminium dahin, schwer krank, enttäuscht und verbittert. Doch Anatoli will sich "von der Atomindustrie nicht mundtot machen lassen, wie etwa die Kernkraftgegner oder die Forschung". Er will kämpfen und sich der Verantwortung stellen. Heute, endlich, aus freien Stücken. Damals, vor 25 Jahren, war das nämlich ein bisschen anders.