In dem Vierteljahrhundert seit der Katastrophe aber haben Wind und Wetter den Sarkophag zermürbt. Bis 2015 soll daher ein gigantisches Stahl-Gewölbe errichtet werden, unter dem der Sarkophag ferngesteuert "entsorgt" werden soll. Laut Plan soll das bis 2065 dauern. Die Katastrophe wäre dann fast ein Jahrhundert alt.

Ein paar Kilometer vom Sarkophag entfernt lagern in zehn Depots zwölf Millionen Kubikmeter strahlender Schrott: Feuerwehrfahrzeuge, Panzer und Busse, die bei der Beseitigung der Havarie-Folgen zum Einsatz kamen, Werkzeuge und Maschinen, mit denen der Sarkophag errichtet wurde. Mit der Zeit spült der Regen die Radioaktivität ab: Selbst an heiklen Stellen wie unter den Kotflügeln gibt es heute kaum noch stärkere Strahlung als in unbelasteten Gebieten. Auch werden die Schrotthaufen mit den Jahren kleiner, weil Plünderer alles klauen, was verwertbar scheint.

Die Reaktorkatastrophe hat neben Kriminellen einen weiteren Gewinner: die Natur. So paradox es klingt, ihr hat die radioaktive Verseuchung gut getan. Rund 400.000 Menschen wurden aus Teilen der Ukraine, Weißrusslands und Russlands evakuiert. Die Natur kehrte aber rasch wieder zurück, heute heulen dort die Wölfe. Weißrussland hat einen Teil der evakuierten Zone daher zum "staatlichen radioökologischen Naturpark" erklärt.

Tiere als Gewinner

Pflanzen und Tiere kommen mit erhöhter Strahlung offenbar gut zurecht. Forscher des Institutes für Agrarökologie und Biotechnologie in Kiew haben anhand von vier im Sperrgebiet eingefangenen Rindern nachgewiesen, dass deren Kälber zwar mehrere Veränderungen im Erbgut zeigten, diese aber bis zur vierten Generation nahezu verschwanden.

Für Menschen ist die Sache anders: Die Explosion setzte große Mengen des radioaktiven Jod-131 frei, das von der Schilddrüse aufgenommen wird. Dort verändert es das Erbgut der Zellen und lässt Tumoren wachsen. Rund 5000 solcher Schilddrüsen-Tumore traten nach der Katastrophe in den Gebieten auf, in denen das radioaktive Jod vom Himmel fiel, erklärt Herwig Paretzke vom Institut für Strahlenforschung des Helmholtz-Zentrums München. Weil die Schilddrüse von Kindern stärker als die von Erwachsenen reagiert, waren zwei Drittel der Betroffenen jünger als fünf Jahre.

Wollen die Wissenschafter ermitteln, wie viele Krebstote eine Kernreaktorkatastrophe wie in Tschernobyl insgesamt fordert, stehen sie vor einem Problem. Denn ein durch radioaktive Strahlung ausgelöster Tumor tritt oft erst Jahrzehnte nach dem Unglück auf und unterscheidet sich nicht von einem Krebs, der andere Ursachen hatte. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO könnte Tschernobyl rund 4000 zusätzliche Krebstote verantworten - Anti-Atomkraft-Bewegungen nennen weitaus höhere Zahlen.

Keine Krebsstatistiken

Wer im Kindergarten von Pripjat vor den Spinden mit den überhastet zurückgelassenen Kinderschuhen steht, braucht keine Krebszahlen, um das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen. Hunderttausende mussten ihre Heimat verlassen. Zweimal im Jahr dürfen sie in ihre Straßendörfer zurück, um Gräber zu besuchen. Einige sind dennoch dauerhaft in die Sperrzonen zurückgekehrt und leben dort unter primitiven Bedingungen, meist ohne fließendes Wasser oder Elektrizität.