Der Wille ist da, die Ausgestaltung des Abkommens sorgt jedoch oft für Ratlosigkeit. - © reuters/Lamarque
Der Wille ist da, die Ausgestaltung des Abkommens sorgt jedoch oft für Ratlosigkeit. - © reuters/Lamarque

Washington. "Energie?" Natürlich ist das Thema ein wichtiger Punkt des geplanten Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA (TTIP). Doch egal, auf welcher Seite des Atlantiks man
die Entscheidungsträger danach fragt, man blickt stets nur in ahnungslose Gesichter. Ob darüber verhandelt wird, ob es ein eigenes Kapital dazu geben wird? - Eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Dabei hat gerade die Ukraine-Krise erneut für die Abhängigkeit Europas von russischer Energie sensibilisiert - und damit auch TTIP wieder ins Rampenlicht gestellt. Wegen TTIP wollte US-Präsident Barack Obama auch eigentlich heute, Mittwoch, nach Brüssel reisen und dem Abkommen einen ordentlichen Schub verleihen. Jetzt ist es die Ukraine, die den Ton angibt. Und doch hängen beide Themen zusammen.

Denn durch das Abkommen könnte sich Europa Zugang zu den Erdgas-Reserven der USA verschaffen. Derzeit ist der Export der fossilen Energie nur mit einer speziellen Genehmigung möglich und der Handel mit Europa so gut wie nicht existent. Gleichzeitig warten Länder wie beispielsweise Polen nur auf (amerikanische) Investoren, die durch Fracking Schiefergas fördern. Die Freigabe per Freihandelsabkommen wäre da hilfreich. Doch nicht nur deshalb ist TTIP brandaktuell.

Platzhirsche auf Augenhöhe

Russlands Machtdemonstration führt vor Augen, wie sich die Welt seit dem Kalten Krieg gewandelt hat. Nicht Soldaten und Raketen sollen Gegner zum Einlenken bewegen, Wirtschaftssanktionen sind die neuen Waffen des Gegenschlags. TTIP könnte zwei starke Partner enger zusammenschweißen, die gemeinsam einen neuen Block bilden, hört man in Brüssel wie in Washington. Der soll künftig das Schicksal der Welt bestimmen. Nicht nur im Krisenfall, auch wenn es darum geht, Normen vorzugeben. Vom "Goldstandard" ist gerne die Rede, der alles umfassen soll, was sich regulieren lässt: von der Länge des Kühlschrankkabels bis zu nanotechnologischer Medizin. Doch obwohl die Hingabe auf beiden Seiten groß ist, ist es gar nicht so leicht, auf einen Nenner zu kommen.

"Wir sind die zwei Halbstarken vom Schulhof", analysiert Christian Leffler in Brüssel die Situation. Der Schwede ist Leiter der Sektion Amerika im Europäischen Auswärtigen Dienst. Bei den bisherigen Freihandelsabkommen haben Leffler zufolge entweder die EU oder die USA dominiert. Hier wurden Norwegen die Wünsche Brüssels aufgezwungen, dort wurde Kanada von Washington vorgegeben, wo es langgeht. Nun begegnen die zwei Platzhirsche erstmals einem Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Eine fremde Situation, sagt Leffler: "Wir sind es nicht gewohnt, nachzugeben." Dabei herrscht unter den Verhandlern grundsätzlich Einigkeit: Das Freihandelsabkommen muss her.

Einer, der von Anfang an dabei war, ist William Kennard. Er sitzt im Büro für regionale Entwicklung in Charleston, South Carolina. Der dunkle Anzug passt wie angegossen, die Krawatte ist perfekt gebunden, gewinnendes Lächeln, überzeugende Stimme. "Das Wichtigste war, mit dem Freihandelsabkommen einmal anzufangen", erklärt Kennard. Er war Obamas Botschafter in Brüssel und mit dabei, als TTIP geboren wurde - lange bevor es der US-Präsident im März 2013 ankündigte. "Wir haben 2010 zum ersten Mal ernsthaft über TTIP gesprochen", sagt Kennard. Nun gebe es keinen Weg zurück mehr: "Wenn du einmal der Welt angekündigt hast, dass du ein Freihandelsabkommen dieser Größe abschließen willst, kannst du nicht einfach hergehen und sagen: ,Ach, sagen wir, es war nichts. Wir machen das doch nicht.‘"

119 Milliarden Euro pro Jahr soll das Abkommen der Wirtschaft der EU bringen, besagt eine Studie, auf die sich die Kommission beruft. Doch solche Bezifferungen sind stets schwierig und problematisch und rangieren oft irgendwo zwischen unrealistisch und irrelevant. Auch für Kennard: "Das Wichtige an TTIP sind nicht so sehr die Zahlen darüber, was es der Wirtschaft bringt, als vielmehr, dass es unsere Volkswirtschaften auf eine Art und Weise verbinden wird, wie wir sie in der Vergangenheit noch nicht erlebt haben."

Dennoch herrscht mancherorts Skepsis. Die beiden Wirtschaften seien ohnedies ausreichend miteinander verwoben, heißt es. "Die niedrig hängenden Früchte wurden bereits gepflückt: Die Zölle sind niedrig. Wir treiben miteinander Handel im Wert von zwei Milliarden Dollar täglich, was 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt darstellt", führt Kennard aus.

"Lebendiges Abkommen"

Jetzt gilt es, in eine neue Dimension einzutauchen: Das große Augenmerk gilt den Regulierungen, und zwar nicht nur die aktuellen, sondern auch die künftigen. Denn TTIP soll ein "living treaty", ein "lebendiges Abkommen" werden. Soll heißen: Wann immer in den USA oder der EU eine neue Regulierung geplant ist, werden vorher die sogenannten "stakeholder", die Interessensgruppen, informiert und dann wird die neue Vorschrift auf beiden Seiten des Atlantiks in Einklang gebracht. Wie das geschehen wird, weiß niemand so genau. Doch bei der amerikanischen Handelskammer hat man schon eine Vorstellung, wie das aussehen könnte: Im Büro des US-Vizepräsidenten und in der EU-Kommission wird je eine Stelle eingerichtet, die sich um die Harmonisierung kümmert.