Wien. Wie die Raupe Nimmersatt frisst sich die U-Bahn von Station zu Station mit Menschen voll. Spuckt  einen Teil ihrer Beute wenige Haltestellen später wieder aus, um dafür wieder Frischfleisch zu verschlingen …

Täglich vertrauen in Wien etwa eineinhalb Millionen Menschen diesem gefräßigen System, das in den Stationen die Fahrgäste schluckt und auf einem Schienennetz von etwa 80 Kilometern fast wie von Zauberhand fährt. Eigentlich könnten Wiens U-Bahnen auch ohne Fahrer unterwegs sein.


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Unterirdische Querverbindungen
In den Morgenstunden des 20. Februar 2015 fahren zwischen Wiens 104 Stationen an die 120 Züge. Einer davon ist der Silberpfeil mit der Nummer 3818. Als er bei der Landstraße haltmacht, will er plötzlich nicht mehr weiter. Während alle Fahrgäste aussteigen müssen, lässt ihn im Tunnel nach der Station die Abenteuerlust in Gedanken links auf Gleis sieben wechseln und parallel auf dem Verbindungsgleis abtauchen. Dann würde er durch die geheimnisvolle Abkürzung, eine S-Kurve unter dem Wienfluss, fahren,  um keine zwei Minuten später beim Schwedenplatz auf der Linie U4 neben dem Donaukanal im Sonnenschein aufzutauchen.

Wiens U-Bahn-Netz verfügt über vier solche Verbindungsgleise. Diese sind aber keineswegs für den Personenverkehr bestimmt. Sie verbinden etwa die U3 mit der U4 und die U1 mit der U2. Wie sonst würden die Züge der U1 in die Remise nach Erdberg kommen, wenn nicht über eine dieser "geheimen" Verbindungen?

U-Bahnzug im Fieberwahn
Ein Blinken auf den großen Monitoren in der Leitstelle. Die Zugzielanzeigen in den nachfolgenden Stationen springen um, denn nun ist der nächste Zug weit mehr als zwei Minuten von der Rochusgasse entfernt. Dann schallt die Durchsage aus den Lautsprechern: "Liebe Fahrgäste, wegen eines schadhaften Zuges kommt es auf der Linie U3?…". Der zuständige Stellwerkswärter kratzt sich am Kopf und schaut zu seinem Kollegen hinüber. Da ist heute wieder ein U-Bahnzug im Fieberwahn…

Die Leitstelle der Wiener Linien, die sich früher in einem unteririschen Raum unter dem Karlsplatz  befand, ist 2006 nach Erdberg in einen Turm aus rotem Klinker übersiedelt. Als hätte man eine riesige Klorolle auf die Gleise neben der Tangente gestellt. Wie bei der Spielzeugeisenbahn fahren unter ihm die U-Bahnzüge durch. Im fünften Stock befindet sich ein hoher Raum, in dem es wie in einem Bienenstock summt. An die vierzig Mitarbeiter sitzen hier vor einer riesigen Panoramawand mit zahllosen großen und kleinen Monitoren, um die Stromversorgung zu überwachen und die Position der Züge zu verfolgen. In drei Schichten wird hier gearbeitet, damit der Betrieb rund um die Uhr unter Kontrolle ist.