• vom 10.05.2018, 13:00 Uhr

Uganda


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"Ich will, dass endlich Friede herrscht"




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Von Bettina Figl aus Arua

  • Kein afrikanisches Land beherbergt mehr Flüchtlinge als Uganda. Doch auch im "Land der Willkommenspolitik" haben Geflüchtete mit Problemen zu kämpfen.

Taisha Awat und ihr jüngstes Kind. Seit einem Jahr lebt die Südsudanesin mit ihren sechs Kindern im Imvepi Flüchtlingslager im Norden Ugandas. - © Bettina Figl

Taisha Awat und ihr jüngstes Kind. Seit einem Jahr lebt die Südsudanesin mit ihren sechs Kindern im Imvepi Flüchtlingslager im Norden Ugandas. © Bettina Figl

Arua. Taisha Awat hat ihre Schwester, ihren Ehemann und ihre Heimat verloren. Alles, was sie noch hat, sind ihre sechs Kinder. Mit ihnen lebt sie seit einem Jahr unter einer undichten Plane in Uganda. Trotzdem lächelt sie. Vor ihren Augen wird gerade ihr Haus errichtet. Ein Haus mit einem Dach, in das es nicht hineinregnet. Ein Haus mit einer Tür, die vor Dieben und anderen Eindringlingen schützt.

Ein Haus nach einem Jahr

Information

2011 hat sich der Südsudan vom Sudan abgespalten, seit 2013 herrscht in dem Land Bürgerkrieg. Mehr als zwei Millionen Menschen sind seither geflüchtet. Die Hälfte lebt heute in Uganda, die Mehrzahl sind Frauen und Kinder. Oft blieben die Männer im Südsudan, sie schützen die Häuser und kämpfen, freiwillig oder unter Zwang, auf der Seite von Präsident Salva Kiir oder des Rebellenführers Riek Machar. Die UN warnen vor der Gefahr eines Völkermordes. Der Aktionsplan zu Frauen, Frieden & Sicherheit hält fest, dass Frauen im Krieg eine besondere, friedensstiftende Rolle im Wiederaufbau und der Prävention zukommt. Care Österreich kritisiert, dass der österreichische Aktionsplan wenig auf inhaltliche Ziele ausgerichtet ist und dringend überarbeitet gehört. Die Reise nach Uganda wurde von Care Österreich teilfinanziert. Mehr Geschichten aus Uganda finden Sie unter www.wienerzeitung.at/uganda

Uganda Karte

Uganda Karte© Wiener Zeitung Uganda Karte© Wiener Zeitung

Mit ihrem Baby im Arm steht sie am Eingang ihres Zeltes und beobachtet, wie sechs sehnige Männer aus Schlamm geformte Ziegelsteine aneinanderlegen. "Ich bin sehr aufgeregt und freue mich", sagt die 28-Jährige. Awat floh im Mai 2017 aus dem Südsuan, wo seit fünf Jahren Bürgerkrieg herrscht. Auf der Flucht musste sie mitansehen, wie ihre Schwester von den Rebellen getötet wurde.

Von ihrem Ehemann, den sie auf der Flucht aus den Augen verlor, hat sie nie wieder gehört. Sie setzte ihre Flucht unbeirrt fort und erreichte – hochschwanger und mit fünf Kindern im Schlepptau – nach einer Woche Fußmarsch die Grenze zu Uganda. Denn seit dem Tod ihrer Schwester kümmert sie sich auch um die zwei- und zwölfjährigen Kinder ihrer Schwester. Helfer brachten die Familie in das Flüchtlingslager Imvepi im Norden Ugandas, 50 Kilometer von der südsudanesischen Grenze.

In Uganda – einem Land dreimal so groß wie Österreich – leben unter 41 Millionen Einwohnern fast 1,5 Millionen Flüchtlinge. Da sind mehr als in jedem anderen afrikanischen Land. Die meisten kommen aus dem Südsudan und zunehmend auch aus dem Kongo, wo die jüngste Gewalt von Konflikten zwischen den Stämmen im Ost-Kongo ausgeht. Allein seit Anfang 2018 gelangten mehr als 50.000 Menschen nach Uganda. Doch das ostafrikanische Land denkt nicht daran, die Grenzen dicht zu machen oder Fluchtrouten zu schließen.

Viele Medien beschreiben Ugandas Flüchtlingspolitik als vorbildlich, UN-Generalsekretär Antonio Guterres nannte sie am Rande der Geberkonferenz in Kampala im Juni 2017 "beispielhaft". Tatsächlich unterscheidet sich das ugandische Asylsystem stark von jenem in Europa: Jede neu ankommende Familie bekommt 50 mal 50 Meter Land. Die Flüchtlinge können sich frei bewegen, bekommen sofort Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele arbeiten auf den Tabakfeldern, einige betätigen sich als Imker oder Schweinezüchter.

Hilfsorganisationen wie das UN-Flüchtlingswerk UNHCR stellen Planen zum Bau eines Unterschlupfs und zum Feldbau Werkzeug zur Verfügung. Alle Geflüchteten haben Zugang zu medizinischer Versorgung sowie zu Essen.

Die Willkommenspolitik ist geprägt von der Geschichte des Landes: In den 1970er und 1980er Jahren suchten tausende vor den Diktatoren Idi Amin und Milton Obote Zuflucht in Nachbarländern. Nun will Uganda die Hilfe zurückgeben.

Ein eigenwilliges Verständnis von Demokratie

In Uganda ist die Ära der Diktatoren vorbei, doch das Verständnis von Demokratie ist eigenwillig: Ende 2017 stimmte das Parlament für die Abschaffung der Altersbegrenzung von 75 Jahren für das Präsidentschaftsamt, zudem wurde die Legislaturperiode auf sieben Jahre verlängert. Damit wird erst 2023 wieder ein neues Parlament gewählt werden, und Yoweri Museveni – der seit 1986 ugandischer Präsident ist – könnte dieses Amt bis an sein Lebensende innehaben.

Woran liegt es, dass die meisten Ugander trotz der vielen Flüchtlinge im Land entspannt bleiben? Auf diese Frage hin betonen Einheimische die ugandische Gastfreundschaft: Es sei einfach eine Selbstverständlichkeit, Menschen auf der Flucht Schutz zu bieten.

Die Mehrzahl der Südsudanesen bekennt sich zum Christentum, wie in Uganda sind viele von ihnen streng gläubig. Doch in dem "gescheiterten Staat" sind veraltete Frauenbilder noch weiter verbreitet als in Uganda, wo patriarchale Strukturen ebenfalls tief verankert sind.



Stoff für soziale Spannungen gibt es in der armen und ländlichen Region im Norden des Landes dennoch genug: Die vielen Helfer, die sich in den vergangenen Jahren in der Stadt Arua angesiedelt haben, haben zu einer regelrechten Gentrifzifierungs- und Teuerungswelle beigetragen. Die Mieten in Arua sind inzwischen höher als in der Hauptstadt Kampala, erzählt eine junge Ingenieurin, die im Lager für den Hausbau zuständig ist.

Zudem hat sich ein reger Handel zwischen Flüchtlingen und Einheimischen etabliert: Flüchtlinge verkaufen Hilfsgüter, die sie von Hilfswerken wie dem UNHCR erhalten, oft ist das ihre einzige Einnahmequelle. Von ihnen ergattern Einheimische Solarlampen, Öl und Bohnen billiger als im Laden. Außerdem versuchen Einheimische, sich als Flüchtlinge auszugeben, um an Hilfsgüter heran zu kommen, und im Vorjahr blockierten Ugander den Eingang des Flüchtlingslagers Imvepi, und forderten mehr Jobs in der Hilfsindustrie.

Das Flüchtlingslager Imvepi stößt an seine Grenzen

Spielende Kinder vor Lehmhütten mit Strohdach, Frauen, die kochen und Säuglinge stillen. Das Flüchtlingslager Imvepi sieht nicht viel anders aus als jedes ugandische Dorf. Doch hier leben 128.000 registrierte Flüchtlinge – inoffiziell sind es bereits 135.000 – auf 56 Quadratkilometern. Man verliert sofort den Überblick, wo das Lager beginnt und wo es aufhört.

Derzeit kommen laut Angaben der ugandischen Behörden etwa 200 südsudanesische Flüchtlinge pro Tag über die Grenze. Im Frühjahr 2017, als Imvepi als weitere Flüchtlingssiedlung in der Region gegründet wurde, waren es noch 2000 Menschen.

In Uganda gibt es 30 Flüchtlingssiedlungen, und obwohl das Land weiter auf Willkommenspolitik setzt, stoßen einzelne Lager an ihre Grenzen. "Wir nehmen keine neuen Flüchtlinge auf. Bis wir mehr Fläche zur Verfügung haben, verweisen wir die Menschen auf das nahe gelegene Rhino-Flüchtlingslager", sagt der Regierungsbeamte Dennis Mbaguta, der für die Leitung des Imvepi-Lagers zuständig ist.


"Bildung ist eine der größten Herausforderungen"

Er sitzt in dem dunklen Zentralbüro und erzählt: "Eine der größten Herausforderungen ist die Bildung. 4000 Kinder und Jugendliche gehen derzeit in Imvepi zur Schule. Wir müssen mehr Klassenzimmer schaffen, aber oft fehlen Möbel." Also heißt es warten, bis Schulen errichtet sind. Oft greifen Jugendliche aus Langeweile zu Waragi. Das Gin-ähnliche Getränk ist in Uganda sehr beliebt, und im Lager in hochprozentigerer Form im Umlauf.

"Jetzt, nachdem sie einige Zeit hier sind, kommen die Traumata hoch", erklärt Keneth Masa, der gemeinsam mit zwei Handvoll anderer Psychologen Ansprechpartner für das Seelenleid von etwa 130.000 Menschen ist. Männer fallen im Lager oft in eine Sinnkrise, nachdem sie ihre Rolle als Versorger verloren haben, oft kommt es zu häuslicher Gewalt. "Meine Frau ist mit UNHCR verheiratet" heißt es dann.

"Mein Ehemann war keine Hilfe, er hat viel zu viel getrunken", erzählt auch Esther Simbua. Sie kam vor einem halben Jahr mit ihrer Familie nach Imvepi, damals war sie gerade schwanger. Heute ist ihr jüngstes Kind ein halbes Jahr alt, das älteste ist zehn. Sie selbst ist gerade einmal 20 Jahre alt. Im Jänner hat ihr Mann sie verlassen, er kehrte in den Südsudan zurück. Seither hat sie nichts mehr von ihm gehört. Alleinstehende Frauen, Minderjährige oder Menschen mit Behinderung gelten als besonders gefährdet, weshalb sie zu jener Zielgruppe gehören, die von Non-Profit Organisationen wie Care beim Hausbau unterstützt werden.

Doch die Mittel der Hilfsorganisationen sind begrenzt, ihre Unterstützung reicht nicht für alle Menschen aus. Da ihr Mann sie verlassen hat, gilt Esther Simbua zwar als besonders schutzbedürftig. Dennoch zählt sie zu jenen 90 Prozent der Zielgruppe, die beim Hausbau nicht unterstützt werden. Als Alleinerzieherin lebt sie nun mit fünf Kindern in einem Zelt ohne Tür.

Die Essensrationen bestehen ausschließlich aus Bohnen und Mais, die Bäuche der Kleinkinder sind aufgebläht wie Ballons – ein Zeichen für Mangelernährung. Es fehle an grünem Gemüse und Fleisch, klagen die jungen Mütter.

"Ein Zelt und Essen ist alles, was man bekommt"

"Ein Zelt und Essen ist alles, was man hier bekommt. In das Zelt regnet es hinein, das Leben ist hart", sagt Simbua. Sie hätte gerne an dem Seminar für Jungunternehmerinnen teilgenommen, das Care gemeinsam mit der österreichischen Entwicklungsagentur Ada anbietet. Sie will sich als Fischverkäuferin selbständig machen. Doch in dem begehrten Kurs bekam sie keinen Platz.

Jaqueline Maneno hatte mehr Glück. Ihr Bewerbungsschreiben wurde angenommen, sie nimmt nun an einem Workshop zum Aufbau unternehmerischer Kompetenzen teil. "Im Südsudan hatte ich einen Pflug und war Landbesitzerin, und das Land war fruchtbar. Hier gibt es nur Stein", erzählt Maneno. Der ehemaligen Landwirtin ist die Perspektive auf eine Beschäftigung wichtig. Am Ende des Seminars erhält sie 116 Euro Startkapital, um ihr eigenes Unternehmen zu starten. Am liebsten würde sie ihre erworbenen Fähigkeiten an andere junge Unternehmerinnen weitergeben, erzählt sie.

Die 25-Jährige kam im Juli des Vorjahres nach Imvepi, ihr Mann wurde am Weg von Rebellen entführt. Sie berichtet von Vergewaltigungen, die sie auf dem Fluchtweg miterleben musste, und von der Gewalt im Lager: "Wir haben kein Geld. Wir haben nichts zu tun. Die Männer schlagen uns."

Vom Patriarchaten zum Vorbild-Mann

Die Hilfsorganisation Care setzt deshalb auf Männerarbeit: In Workshops erfahren junge Männer mehr über Gleichberechtigung. Sie sollen als moderne, auf Gleichberechtigung bedachte Männer leben und zu Vorbildern in ihren Communities werden.

"Ich weiß jetzt, dass Gleichberechtigung wichtig ist", sagt Simon Kamanda, der das Programm durchlaufen ist und sich nun "Vorbild-Mann" nennen darf. Das einjährige Training hat das Weltbild des 22-jährigen Südsudanesen ganz schön auf den Kopf gestellt, wie er erzählt: "In unserer Kultur nehmen Frauen nicht an Besprechungen teil. Ich dachte, es sei eine Zeitverschwendung, Mädchen zur Schule zu schicken. Wie viele Männer habe ich den Wert der Frau nur in ihrem Brautpreis bemessen."

"Wasserholen? Das ist Arbeit für Mädchen"

Anfangs sei er mit seiner neuen Haltung auf Widerstand gestoßen, erzählt er – auch bei seinen weiblichen Familienmitgliedern. "Als ich Wasser holen wollte, sagte meine Mutter, das sei Arbeit für Mädchen." Er will nun auch andere Männer davon überzeugen, dass es besser ist, wenn Männer und Frauen sich Aufgaben teilen und Entscheidungen gemeinsam treffen.

Wie aussichtslos die Lage im Südsudan ist, zeigt sich auch in der Lebensgeschichte von Emmanuel Rombe. Er spricht fließend Englisch, gelernt hat er es in Schulen in Flüchtlingslagern, wo er den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbracht hat. Der 34-Jährige ist bereits zum zweiten Mal in seinem Leben auf der Flucht. Im Alter von zehn Jahren floh er mit seiner Familie, fast ein Jahrzehnt lang harrten sie damals in Uganda aus.

Rombe hat seine gesamte Jugend in Flüchtlingslagern verbracht

Als sich die Lage in seiner Heimat stabilisiert hatte, kehrten sie zurück. Rombe war damals 19 Jahre alt. Nach seiner Rückkehr versuchte er, sich im Südsudan ein neues Leben aufzubauen, er heiratete, gründete eine Familie. Vor einem Jahr musste er dann neuerlich die Flucht ergreifen. Sein Leben war in Gefahr, erzählt er: "Die Rebellen dachten, ich sei ein Spion. Alle sind total paranoid." Da die Flucht spontan und ungeplant war, musste er seine Frau und seine fünf Kinder – darunter Zwillinge – zurücklassen.

Der Traum vom Frieden im Südsudan

Die Situation sei belastend, erzählt Rombe, aber er stehe in telefonischem Kontakt mit seiner Frau. Im Lager lenkt er sich ab, indem er mithilft, wo immer er gebraucht wird: Beim Hausbau, in der Essensausgabe, beim Übersetzen. Im Südsudan jobbte er auf dem Bau, doch mit seinem pinken Schal und der Hornbrille wirkt der rhetorisch gewandte Mann eher wie ein Musiker oder ein Student. Sein großer Traum ist es, in Europa Friedenspolitik zu studieren. Das erworbene Wissen soll dem Aufbau seines Landes zugutekommen: "Ich will, dass in meinem Land endlich Frieden herrscht." Diesen Wunsch teilt er wohl mit allen Menschen, die auf der Flucht waren oder sind.

 




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Dokument erstellt am 2018-04-25 14:04:50
Letzte Änderung am 2018-05-09 18:04:01



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