Fahad posiert mit seinem Motorrad. - © Hafner, Brandstötter
Fahad posiert mit seinem Motorrad. - © Hafner, Brandstötter

Nachmittags in Kampala, der Hauptstadt Ugandas; eigentlich ist die Stadt gerade ruhig. Der Verkehr staut sich an Kreuzungen und fließt mehrspurig um kleine Kreisverkehrsinseln. Rund um das Parlament langweiligen sich Polizisten im Schatten gepanzerter Fahrzeuge.

Everest döst nachdenklich auf seinem Motorrad. Sein Platz ist im Regierungsviertel, unweit vom Parlament, seine kurzen Beine baumeln in der Luft, wenn er sein Motorrad als Pausenbank benutzt, den Helm neben sich liegen hat und müde in die Sonne blinzelt. Eigentlich wäre Everest gerne Friseur. Aber er ist einer von hunderttausenden Boda-Boda-Fahrern in Kampala, die auf ihren Motorrädern Taxi- und Botenfahrten anbieten und das bei weitem erschwinglichste und auch praktischste öffentliche Verkehrsmittel in einer von Afrikas Millionenstädten darstellen.

Es ist eine Frage des Geldes: Früher war Everest Schuster. Im Kampala bedeutet das allerdings, alte Schuhe zu flicken, vielleicht mal einen Absatz zu reparieren. Die Schuhe, die Everest herstellte, waren bestenfalls Flip Flops aus alten Autoreifen, in Streifen geschnittene Fahrradreifen als Zehenriemen. Dementsprechend niedrig war das Einkommen - Everest hockte am Straßenrand wie ein Schuhputzer oder wie ein Bettler, und hatte gerade genug Geld in der Tasche, um Obst und andere essbare Kleinigkeiten kaufen zu können. Lebensmittel sind in Kampala sehr günstig.

Geschmückte Boda Bodas. - © Hafner, Brandstötter
Geschmückte Boda Bodas. - © Hafner, Brandstötter

Als Boda-Boda-Fahrer trägt Everest eine saubere Jeans, ein frisch gewaschenes Hemd mit gestärktem Kragen und ordentliche Schuhe. Trotzdem wäre er lieber Friseur - aber es ist eine Frage des Geldes. Mit seinem Motorrad kann er auch an mittelmäßigen Tagen 30.000 ugandische Schilling verdienen. Das sind umgerechnet knappe sieben Euro.

Ein Monatsverdienst von knapp einer Million Schilling setzt harte Arbeit voraus. Aber das ist etwa so viel Geld, wie Lehrer und andere schlecht bezahlte Beamten bekommen.

Als Friseur würde Everest nur einen Bruchteil dieses Geldes verdienen. Aber es wäre ein um so vieles ruhigerer Job. Denn in der Rushhour von Kampala, die bald einsetzen und praktisch den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht dauern wird, denkt jeder Boda-Boda-Fahrer immer wieder mal daran, den Job an den Nagel zu hängen.

Dichtes Gewirr von Gassen, Plätzen und Märkten

In Kampala leben eineinhalb Millionen Menschen auf etwa einem Drittel der Fläche vergleichbarer europäischer Großstädte. Die Stadt ist eine Mischung aus weitläufigen Villenvierteln, unglaublich überfüllten Geschäftsstraßen, mediterran wirkenden Wohnblöcken aus nacktem Beton und armen Vierteln mit winzigen Hütten aus selbstgebrannten Ziegeln, manchmal auch noch aus Lehm, die als dichtes Gewirr von winzigen Gassen und Plätzen eigene Städte in der Stadt bilden - mit Marktplätzen, Geschäften und dutzenden Imbissbuden.

Auch in Kampala gibt es kaum Jobs, und gerade deshalb ist die Stadt immens geschäftig. Jeder Schilling ist es wert, verdient zu werden. Jeder Schilling kann darüber entscheiden, wo der, der ihn verdient hat, heute seinen Platz in Kampala findet. Am nächsten Tag kann wieder alles anders sein. Kampala ist eine Stadt, in der wohlhabende Beamte in dunklen Anzügen mittags entspannt in schönen Restaurants sitzen. Expats und Mitarbeiter von NGOs wohnen in Villenvierteln hinter mit Stacheldraht bewehrten Mauern. Kleine Geschäftsleute legen tagsüber lange Wege zurück und kehren abends in Zwei-Zimmer-Wohnungen für ihre sechs- oder achtköpfigen Familien zurück. In Shopping-Malls kämpfen Luxusmarken, Technikhändler und Kunsthandwerk um die Aufmerksamkeit der wenigen, die es sich leisten könnten, hier einzukaufen.

Abends kann man in Kampala feiern wie in jeder anderen Stadt: Im Stadtviertel Kalangala mischen sich kleine Bars und verbotene Prostitution, im Regierungsviertel ziehen die Bars der großen Hotelketten die Wichtigen und Mächtigen der Stadt an, im Nobelviertel Kololo drängen sich Clubs an Restaurants und noch noblere Clubs. Es kann sein, dass auch in noblen Clubs an gut besuchten Tagen plötzlich das Tonic ausgeht - weil von Anfang an nur eine Flasche da war -, manchmal fällt wohl auch der Strom aus. Aber sonst laufen Partynächte nach weltweit immer ähnlichen Mustern ab.

Wer am nächsten Morgen die Zeitung aufschlägt, findet vorsichtige Kritik am seit über 30 Jahren amtierenden Präsidenten, immer wieder positiv in die Zukunft blickende Wirtschaftsnachrichten, erstaunlich beißenden selbstkritischen Zynismus auf den Kommentarseiten, ausführliche Berichterstattung über die englische Premier League - und die Inserate von Hexern und Wunderheilern. Ihre Angebote sind einander recht ähnlich: Sie versprechen Abhilfe bei Potenzproblemen, bringen verlorene Geliebte zurück, helfen bei der Raucherentwöhnung, sichern geschäftlichen Erfolg und bekämpfen im Haus spukende Dämonen. Das meiste davon passiert in standardisierten Programmen zum Fixpreis.

Eine zum Explodieren
lebendige Stadt

Verkehrschaos in Kampala. - © Hafner, Brandstötter
Verkehrschaos in Kampala. - © Hafner, Brandstötter

Kampala ist eine dicht gedrängte, vielschichtige und manchmal zum Explodieren lebendige Stadt. In der ganzen Stadt gibt es praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel. Boda Bodas, die allgegenwärtigen Motorradtaxis, sind die wichtigste Lebensader dieser Stadt. Sie bringen Menschen morgens zur Arbeit und Kinder in die Schule, sie beliefern Geschäftsleute mit Waren und sie sind der schnellste Weg, um Einkäufe zu erledigen. Private Autos sind für die meisten Einwohner Kampalas unerschwinglich. Die wenigen Autos teilen sich die Straßen mit Lastern und Matatus, der ugandischen Variante von Sammeltaxis: Matatus fahren entlang fixer Strecken, und sie fahren erst dann los, wenn der Fahrer sie für ausreichend voll befindet. Bei einem für vierzehn Personen zugelassenen Minibus sind das grundsätzlich mindestens zwanzig Personen. Wenn mehrere Fahrgäste unterwegs aussteigen, wartet der Fahrer oft auch mit der Weiterfahrt, bis sich die Plätze wieder füllen - für eine Matatu-Fahrt braucht man also viel Zeit und Geduld.

Boda Bodas dagegen schlängeln sich durch jeden Stau und bringen ihre Passagiere oder ihre Fracht einigermaßen pünktlich und genau ans Ziel. Die Fahrt ist allerdings oft halsbrecherisch: Zwischen stauenden Autos, Schlaglöchern, sich durch den Verkehr zwängenden Fußgängern und dutzenden anderen Motorrädern, die genau die gleiche Lücke nützen wollen, führt der Weg oft über Gehsteigkanten oder Verkehrsinseln. Durch kommt nur, wer sich schmal macht. Dabei sind Boda Bodas oft dicht beladen: Drei Personen mit Gepäck, wenn Kinder dabei sind auch mehr, ganze Bettgestelle oder bis zu acht kunstvoll verschnürte Bierkisten auf dem Gepäckträger sind keine Seltenheit.

Geschmückte Boda Bodas. - © Hafner, Brandstötter
Geschmückte Boda Bodas. - © Hafner, Brandstötter

Boda Bodas sind die wichtigste Verkehrsinfrastruktur Ugandas. Und die Branche ist auch zu einem unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor geworden. In einem Land praktisch ohne Jobs und ohne große wirtschaftliche Perspektiven für junge Menschen schaffen Boda Bodas Zukunft. Führerscheine sind nur eine theoretische Notwendigkeit. In der Praxis drängen tausende junge Menschen - überwiegend Männer - ohne Ausbildung und ohne Kapital in die Branche. Die Motorräder werden oft von wohlhabenderen Ugandern gegen Taggeld zur Verfügung gestellt, dann kann das Abenteuer beginnen.

Studien der Makerere University in Kampala zufolge leben in Uganda mittlerweile bis zu zwei Millionen Menschen von der Boda-
Boda-Branche. Das sind Fahrer, Händler, Mechaniker, Betreiber von Waschplätzen oder Dekorationsartikel-Händler. Zwei Millionen Menschen - das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In den Ländern Westeuropas leben fünf Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft.

Je jünger die Fahrer, desto bunter die Dekorationen

Boda Bodas sind auch auf dem Land die wichtigste Zukunftsbranche Ugandas. Es ist in den kleineren Dörfern überall das gleiche Bild: Hoffnungsvolle Jungs strahlen stolz auf glänzenden Motorrädern. Je jünger sie sind, desto bunter sind ihre Dekorationen und desto größer sind ihre Hoffnungen. Wie die Hoffnungen und das Motorrad von Geoffrey: Er hat erst vor einer Woche sein nagelneues Motorrad nach Budadiri gebracht. Budadiri ist ein kleines Dorf auf über 1700 Meter Seehöhe und nicht gerade ein Verkehrsknotenpunkt: Von hier aus geht es nicht weiter, gleich hinter dem Dorf beginnt der Mount-Elgon-Nationalpark, der nur zu Fuß durchquert werden kann. Hier gibt es keine Straßen, nur steile Fußpfade, die auf fast 4500 Meter Seehöhe hinaufführen.

Dennoch sind auch hier alle Hügel dicht besiedelt; jede Familie baut ihre neue Hütte und bestellt Felder in Handarbeit. Sofern sie Felder hat - Geoffrey hat keinen Grundbesitz, nur sein Motorrad. Warum er trotzdem hier Fuß zu fassen versucht? "Es ist meine Heimat." Weiter weg als in der Bezirksstadt Mbale war er noch nie, und von dort hat er unangenehme Geschichten über Räuber und Überfälle gehört.

Rund um Budadiri gibt es in einem Umkreis von gut zwanzig Kilometern keine asphaltierten Straßen. Auch wenn es steiler wird, gibt es nur Schotter- und Erdpisten, die sich bei Regen in Abenteuerlandschaften verwandeln und bei Trockenheit bei jedem Schritt Staubschwaden aufsteigen lassen.

Ihre Motorräder glänzen und glitzern; die Wimpern von Geoffrey und seinen Freunden sind von hellrotem Staub verklebt, der hell aus ihren Gesichtern leuchtet. Geoffrey besucht seit Tagen jede der vielen kleinen Werkstätten im Ort und sammelt weiteres Zubehör für sein Motorrad: Aufkleber und Fahnen, ein bunter Sitzbezug, lackierte Schutzgitter für den Scheinwerfer - Geoffrey strahlt.

Bryan, der Werkstattbesitzer, bei dem er sein Motorrad pimpen lässt, ist im Vergleich zu Geoffrey ein weitgereister Mann. Er war schon im zweihundert Kilometer entfernten Kampala und hat von dort ein Arnold-Schwarzenegger-Poster mitgebracht, Arnie post als Conan. "I like him very much", sagt Bryan.

Coolness entschädigt die Fahrer für das, was sie nicht haben

Vincent ist am frühen Morgen an einer Tankstelle bei Masaka auf Kundenfang; hier halten die Busse von und nach Kampala. Masaka ist eine kleine Stadt im Sumpfland vor dem Viktoriasee, von hier aus kann man zu den Fähren nach Bukakata fahren, die auf die Ssese Islands übersetzen. Vincent redet nicht viel, er posiert lieber. Coolness entschädigt viele Fahrer für das, was sie nicht haben. Sie sind immerhin ihre eigenen Chefs. Sie bestimmen, wie sie auftreten wollen, sie arbeiten, wann sie wollen. Oder wann sie es brauchen.

Wer Englisch spricht, erhöht seine Geschäftschancen gleich um ein Vielfaches. Eigentlich ist Englisch die offizielle Amtssprache hier in Uganda, aber das bedeutet nicht überall viel. Bei Geschäften mit Touristen - oder auch Ugandern aus anderen Landesteilen - hilft es aber sehr. Fahad, der mit Vincent an der Tankstelle auf Passagiere aus den nächsten Überlandbussen wartet, weiß das. "I want to go to Europe", sagt er zu jedem, der so aussieht, als wäre er nicht von hier.

Er weiß genau, was die einzig nachhaltigen Wege nach Europa wären: eine Europäerin heiraten oder mit Visum einreisen und untertauchen. Und er weiß, dass es ihm in Europa nicht automatisch besser gehen würde. "Es ist kalt und man braucht viel Geld", sagt er über Europa. "Und die meisten Menschen sind dort allein." Warum er trotzdem davon spricht, wegzugehen? Es ist eher ein Reflex, eine traditionell überlieferte Vorstellung, an der die Berichte von Rückkehrern schon lange kratzen. Es sind Bekannte von Bekannten, Fahad kennt keine Europa-Rückkehrer persönlich. Vielleicht sind es auch die absurd-phantastischen Glitzerwelten aus ugandischen, nigerianischen oder sogar kongolesischen Musikvideos, die das Ideal von Europa bröckeln lassen. Stars leben dort eine Welt vor, die es hier nicht gibt; seit afrikanische Popstars genauso bunt sind wie amerikanische oder europäische, haben sie das Unerreichbare in die Nähe geholt. Und es damit noch unerreichbarer gemacht. Niemand aus Fleisch und Blut lebt hier diesen Luxus. Also leben ihn die Menschen anderswo vermutlich genauso wenig.

Extra Lager und Waragi Gin
nach der Kirche

Emma und seine Freunde leben ihren eigenen Luxus. Der besteht aus Eagle Extra Lager Starkbier und Waragi Gin. Es ist Sonntag Mittag in Kisoro im äußersten Westen Ugandas. Der Gottesdienst, der je nach Laune des Predigers auch mal drei Stunden dauern kann, ist erledigt, die Boda-Boda-Fahrer des Ortes hängen sturzbetrunken in der Kiruhuura-Bar ab. Manche tragen schwarzen Anzug, andere schon praktisches Alltagsgewand, mit dem sie ein paar Stunden später ein Nickerchen im Straßenstaub machen werden. Am Sonntag ist hier nicht viel zu tun.

Die Bar hat einen Fernseher und einen Billardtisch, die Kellnerin arbeitet hinter einer vergitterten Theke. Geld wird durch die Gitterstäbe geschoben, Bierflaschen werden über das Gitter gereicht. Waragi Gin gibt es hier nur in Plastikbeuteln, ein Viertelliter, einmal aufgerissen, müssen sie ausgetrunken werden. Viele Ugander sind friedlich, freundlich und halten Drogen für nahezu so schlimmes Teufelszeug wie Homosexualität oder Nikotin, beim Pro-Kopf-Alkoholverbrauch sind sie allerdings weltweite Spitzenreiter. Trinken kann, wer es sich leisten kann. Das regelt zugleich den Jugendschutz: Kinder und Teenager hängen vor der Bar ab, drängen sich um die Tür, um einen Blick auf den Fernseher zu ergattern. Aber die Bierflasche für tausend Schilling ist auch für die Vierzehnjährigen unerschwinglich.

Noch feiern die Boda Boda-Fahrer laut. Aber der Rest des Tages wird in Kisoro sehr ruhig werden . . .

The Big Boda Boda Book

Henrike Brandstötter und
Michael Hafner
bereisen regelmäßig Subsahara-Afrika. Sie flanieren durch den afrikanischen Kontinent, reisen per Autostopp und mit öffentlichen Bussen, notieren und fotografieren. Hafner leitet die Marketingagentur gold super extra, Brandstötter entwickelt bei Neos Kampagnen und schreibt Sachbücher.

Für "The Big Boda Boda Book", das nächste Woche erscheint, waren sie zwei Monate vor Ort, haben Interviews geführt, Studien an der University of Kampala ausgehoben, sind durchs Land gereist und viel Boda Boda gefahren. Wichtig war den Autoren auch, dass das Buch von Ugandern gegengelesen wird, "um sicher zu gehen, dass wir auch alles richtig verstanden haben und nicht eine Situation mit der europäischen Brille betrachten und dadurch falsch einschätzen und beschreiben". Das Buch ist auf Englisch erschienen, für den Vorabdruck wurden Passagen ins Deutsche übersetzt.