"Wiener Zeitung": Am Donnerstag nahmen laut ukrainischer Darstellung reguläre russische Truppen die ostukrainische Stadt Nowasowsk und umliegender Dörfer ein. Was bedeutet dies für den Ukraine-Konflikt?

Gerhard Mangott: Wenn die Berichte zutreffen, ist zweifellos eine neue Eskalationsstufe erreicht, denn offensichtlich sind an dieser neuen Aktion der "Rebellen" russische Verbände beteiligt. Wenn wir die Verlegung von Truppen auf fremdes Territorium mit feindlicher Absicht als Invasion bezeichnen, muss man das, was hier passiert, als Invasion bezeichnen.

Was bezweckt Russland mit diesem Vorgehen?

Ich glaube nicht an die nun oft genannte Version, dass Russland vorhat, eine Landverbindung zur Krim herzustellen. Denn bisher bewegt sich die Operation nur im Gebietskreis Donezk. Eine Landverbindung wäre nur möglich, wenn man noch zwei weitere Gebiete - Cherson und Zaporoschje - erobert. Das Ziel ist meiner Meinung nach vielmehr, einen Entlastungsangriff für die in Donezk und Luhansk eingeschlossenen ukrainischen Rebellen zu starten - und dadurch die ukrainischen Kräfte im Süden zu bündeln.

Das entspricht der Logik Russlands in diesem Konflikt, die Rebellen nicht fallen zu lassen, sondern die Rebellion so lange am Leben zu erhalten, bis man die gewünschten Zugeständnisse von der Ukraine bekommt. Das ist die optimistische Interpretation des russischen Vorgehens.

Und die pessimistische?

Die ist, dass Russland gar keine Absicht hat, die Ukraine zu Zugeständnissen zu zwingen, da Moskau ohnehin beabsichtigt, in den beiden Regionen einen eingefrorenen Konflikt herzustellen wie in Transnistrien und Georgien. Dass es gar keine Verhandlungslösung gibt, weil Russland keine anstrebt.

Die Unterstützung für die ostukrainischen Rebellen war bisher immer so gut wie möglich versteckt. Wieso handelt man nun anscheinend so offen?

Weil das die Kräfteverhältnisse erfordert haben. Die Rebellen alleine - auch mit russischem Gerät, mit russischen Waffen und russischen Freiwilligen - sind bei Donezk und Luhansk in eine starke Defensivlage geraten. Es reicht nun einfach nicht mehr, sie aus dieser Situation zu befreien und die Rebellion aufrechtzuerhalten, ohne dass sich russische Truppen direkt daran beteiligen.

Es gibt nun auch in russischen Medien immer mehr Berichte, dass russische Soldaten verschwunden sind und ihre Mütter nach ihnen suchen. Wie sehr setzt das dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in seinem Land, das bisher geschlossen hinter ihm stand, zu?

Es könnte ein großes Risiko sein, das er hier eingeht. Denn bei aller Begeisterung für die Invasion - oder wie man es auch bezeichnen mag - auf der Krim und bei aller Unterstützung der Position der Rebellen durch die russische Bevölkerung, die angesichts der medialen Berichterstattung im Land ja auch nicht überrascht, gibt es keine Mehrheit für einen Einsatz von russischen Truppen in der Ostukraine. Und so ein Einsatz geht nicht ohne Verluste. Die Berichte, die man in Sozialen Medien sieht über Soldaten, die angeblich an einem Übungsunfall gestorben sind, nehmen zu. Und so wird das auch zu einem öffentlichen Thema werden.

Zudem erklärte ein Mitglied von Putins Menschenrechtsbeirat, dass das, was in der Ukraine passiert ist, eine Invasion sei. Die Angelegenheit insgesamt wird zu einem öffentlichen Thema werden, auf Dauer wird man dies nicht unterdrücken können. Es wird mühsam werden, die Vorfälle zu erklären. Noch sind aber weiterhin alle anderen relevanten Politiker im Land auf Linie.