Die UNO hat sechs Amtssprachen. Um richtig übersetzen zu können, muss man den Kontext verstehen. Warum in der UN-Diplomatie kein Fehler passieren darf, erzählt Lirong Wang.

"Wiener Zeitung": Sie sind gebürtiger Chinese und arbeiten hier in den zwei Sprachen Englisch und Chinesisch.

"Lirong Wang": Meine Hauptsprachen sind Englisch und Chinesisch, in diesen Sprachen arbeite ich. Es gibt viele Delegierte, die chinesisch sprechen. Wir haben die Verantwortung es ins Englische zu übersetzen.

Gibt es seltsame Sprachkombinationen und Ausdrücke, die die Delegierten verwenden, die unübersetzbar sind? Kommt so etwas vor?

Tatsächlich gibt es solche Phänomene und das täglich, da ja die Delegieren und Repräsentanten aus allen Weltregionen kommen. Sie verwenden ihren eigenen Dialekt, ihre idiomatische Ausdrucksweise im Englischen. Die man manchmal nicht versteht. Also muss man sich einen Teil des Kontexts anhören und dann entscheiden wie man es übersetzen könnte und welche das Richtige wäre. Aber in diesem Fall hat man nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, in der die Entscheidung fallen muss. Du jagst quasi den Sprecher. Normalerweise in Sekundenschnelle. Du brauchst die richtigen Wörter und musst blitzschnell im Reaktionsvermögen sein.

Wie geht es Ihrem Deutsch?

Ich habe mit dem Deutschlernen begonnen, gleich als ich nach Wien kam. Es ist ja nicht nur praktisch, Deutsch zu beherrschen, sondern macht auch einen sozialen Sinn. Deutsch ist zwar keine Arbeitssprache, aber es ist eine wichtige Sprache, da Deutschland eine wichtige politische Macht in der Welt ist. Die deutsche Sprache ist nicht nur schwierig, sie ist sehr philosophisch, und sehr präzise.

Man kennt die Brisanz jener "Geheimnisse" die in einer Konferenz ausgetauscht werden könnten, zumindest aus dem Film "Die Dolmetscherin" von Sydney Pollack. Es ist ein verantwortungsvoller und anstrengender Beruf, vielleicht sogar die anstrengendste Arbeit auf der Welt.

Da stimme ich zu. Aber es wird mit der Zeit weniger und weniger intensiv und schwierig. Weil sich die Stunden akkumulieren. Es ist vergleichsweise so beim Beruf eines Piloten. Je mehr du fliegst, desto erfahrender wirst du. Du musst dich gewissenhaft vorbereiten und die ganz spezielle Terminologie studieren. Nach und nach wirst du mit dem Thema vertraut. Und selbstsicherer. Dennoch ist es eine nervenaufreibende Arbeit.

Wie arbeiten Sie?

In der arabischen und chinesischen Übersetzerkabine sind wir ein Team aus 3 Leuten. Jeder übersetzt für 20 Minuten und macht danach 40 Minuten Pause. So gelingt es, das Konzentrationspotential wieder aufzufüllen, ins Gleichgewicht zu bringen. Gewöhnlich beginnen die Meetings um 10 Uhr morgens. Wir arbeiten dann im Schnitt für 3 Stunden. Dann gibt es zwei Stunden Pause. Danach geht es weiter bis 18 Uhr abends.

Wie funktioniert das genau?

Wir haben die Aufgabe, nicht nur das Chinesische ins Englische zu übersetzen, sondern auch das Englische ins Chinesische.

Wenn ein Delegierter auf chinesisch spricht, hören wir Chinesischdolmetscher es durch den Originalkanal, und dolmetschen das Gesagte im gleichen Augenblick in den englischen Kanal. Die Kollegen aus den Dolmetscherkabinen für Arabisch, Französisch, Russisch und Spanisch dolmetschen dann vom englischen Kanal in ihre jeweilige Sprache.

Sie bekommen im Vorfeld Unterlagen mit Text. Stehen da Fachausdrücke darauf?

Zu jedem Meeting gibt es zentrale Statements. Es kommt auch vor, sogar häufig, eine Übersetzung ohne irgendeine schriftliche Textgrundlage zu machen. Korrektheit ist das Um und Auf. Wir arbeiten alle sehr professionell und sind loyal unserer Arbeit gegenüber.

In Ihrer Biographie steht, dass Sie Internationale Politik studiert haben und Englisch.

Ja. Ich habe aber auch Englisch studiert. Anfänglich dachte ich, dass ich schon sehr gut sei. Im Übersetzen des britischen oder amerikanischen Englisch zum Beispiel. Aber: Zu den Mitgliedsländern der UNO gehören viel mehr. Es kann sich um Englisch aus Indien, Japan, Korea handeln. Es ist eine Welt mit vielen Unterschieden. Alleine schon der Gebrauch der Grammatik. Es ist ja auch nicht nur eine Sache es zu verstehen, man muss mit der Geschwindigkeit mithalten.

Und sich dabei immer wieder eine Gegenfrage stellen.

Genau. Man muss ständig fragen: Wovon sprechen die Konferenzteilnehmer? Wir haben eine spezielle Zusatzausbildung bekommen. Also zwei Jahre professionelles Training für UN-Übersetzer in Peking. Dieser Postgraduate-Kurs hat 2 Jahre gedauert. Man hat gelernt, die Fähigkeiten und Techniken des Übersetzens zu verfeinern,  zu vervollständigen.

Gibt es Hürden während der Verhandlungen?

In  meinem Job kann man sich wirklich keine Fehler erlauben. Die Delegierten verwenden aufgrund der Wichtigkeit ihrer nationalen Sprachen ihren ganz typischen Dialekt. Es kommt gutes und schlechtes Englisch vor. Manchmal tun sich auch Fragen auf. Dann kann es auch vorkommen, dass wir zu ihnen runter gehen und nachfragen. Was er oder sie denn tatsächlich ausdrücken wollte. Grundsätzlich haben wir immer ein sehr gutes Verhältnis zu den Delegierten.

Ohne Sprachen, wäre Kommunikation unmöglich.

Ich glaube das, nicht nur weil ich Chinese bin. Ich war in Kontakt mit fast allen Nationen und Nationalitäten auf der ganzen Welt. Ich weiß auch, dass Chinesisch keine einfache Sprache ist. Es ist auf alle Fälle notwendig, 3000 Schriftzeichen zu beherrschen, um die chinesische Sprache einzusetzen. Für Ausländer ist das ganz fremdartig. Es ist eine Bildsprache. Und auch die Betonung. Jedes Wort kann vier unterschiedliche Betonungen haben. Für Nicht-Chinesen durchaus schwierig, ja.

Können Sprachen die Welt einen?

Ich sehe die Funktionalität von Sprachen nicht so. Sprachen sind ein Mittel für bessere Kommunikation. Also nicht zu einen, aber die unterschiedlichsten Meinungen zu verstehen. Die Ansichten von Menschen, eines anderen menschlichen Wesens besser zu verstehen. Wie er die Welt sieht, auf seine Art und Weise. Um ihn besser zu verstehen. Sprache ist aber kein Mittel, um zu einen oder zu trennen.

Um eine Übereinstimmung zu erreichen?

Meetings sind am Anfang immer sehr hart, auch wenn die Konsultationen nach zwei Wochen ein Ergebnis erreicht haben, wenn man sich miteinander verständigt, einen Konsens erreicht. Und hier tragen wir ganz stark bei.

Hat Ihr Job auch lustige Seiten?

Die Mehrheit der Meetings ist sehr ernst. Es müssen auf Verhandlungsbasis Entscheidungen getroffen werden. Manchmal sind die Positionen extrem in Kontrast zu einander. Aber am Ende einer Session, wenn es getan ist, ist der Vorsitzende meistens humorvoll, hat gute Laune, es wird gescherzt und es wird dann auch viel gelacht. Ja, es gibt durchaus viele glückliche Momente hier. Uns Übersetzern dankt man am Ende einer Konferenz immer Applaus und manchmal auch mit einer kleinen Aufmerksamkeit wie zum Beispiel in Form einer Schokolade. Kleine Geschenke als Dankesausdruck.

Was treibt Sie an in Ihrer Arbeit?

Als ich noch klein war, war ich von Sprachen fasziniert. Ich erinnere mich, dass wir zu Hause einen wichtigen Gast hatten. Ich habe also miterlebt, dass man Sprachen gesprochen hat, die ich damals nicht verstanden habe. Aber ich wollte sie verstehen. Es ging mir auch so mit den ausländischen Touristen. Ich wollte verstehen, was sie sprachen. Mit meinem Englischstudium war ich bald soweit und war sehr aufgeregt, sie zu verstehen. Ich konnte mich also der Welt öffnen, um sie zu verstehen.

Sie leben als Chinese in Europa. Ist hier Ihr Zuhause?

Ich bin gut in Wien angekommen. Ich war aber auch viel unterwegs und bin so ziemlich alle 5 bzw. 6 Jahre in eine andere Stadt, in ein anderes Land, in eine andere Weltregion gezogen. Ich war in Genf, Bangkok, New York, Den Haag. Was die Lebensqualität betrifft, empfinde ich diese in Wien als sehr hoch. Aus diesem Grund habe ich mich auch dafür entschieden, zu bleiben. Für junge Chinesen ist Wien sogar oft die erste Wahl, wo sie hinreisen wollen. Ich glaube, es ist diese enge Verknüpfung von Musik, Kultur, Ballett, den schönen historischen Gebäuden.

Shanghai wächst konstant, ist Wien im Gegensatz dazu "langsam"?

Als ich hier her kam, habe ich bemerkt, dass es in der Wiener Innenstadt keine Veränderung passiert. Nicht einmal eine neue Straße. In China ist das anders. Veränderung passiert zum Beispiel in Shanghai jeden Tag und so massiv, dass nicht einmal Navigationssysteme Schritt halten können. Von heute auf morgen sind Straße, sogar Häuserblöcke nicht mehr da. Man versucht ständig, Platz für Neues zu schaffen. Aber wenn man in einer historischen Stadt wohnt, wie Wien, wenn man sich niedergelassen hat, und ruhig und entspannt ist, dann kann man andere Lebensaspekte entdecken.