Tagtäglich führen gut ausgebildete, redegewandte und multilinguale Tourguides Besucher in der Wiener UNO-City durch die Bürogebäude, zeigen und erklären Ihnen die Eckpfeiler dieser ehrwürdigen Institution. Miram Baghdady ist eine von ihnen.

"Wiener Zeitung": In Ihrer Arbeit tragen Sie ein dunkelblaues Kostüm, wissen wahrscheinlich auf jede Frage der Besucher eine Antwort. Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?


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Miriam Baghdady: Die Vereinten Nationen und das Umfeld haben mich schon immer interessiert und dann habe ich die Ausschreibung gesehen auf UNI-Jobs während meines Bachelor-Studiums. Ich habe mich beworben und es hat gottseidank funktioniert. Ich mache das schon seit viereinhalb Jahren. Also studienbegleitend. Im Bachelor habe ich Betriebswirtschaft studiert und im Master Umwelttechnologie und Internationale Beziehungen.

Wie sieht denn Ihr Arbeitsalltag bei den VN aus?

Es ist jeden Tag anders. Die Atmosphäre ist sehr multikulturell, es kommen viele Gruppen und viele Leute die hier unterwegs sind, welche

Ausstellungen es gibt vor allem in der Rotunda oder welche Konferenzen gerade sind. Mal ist mehr los, mal weniger. Aber es ist immer wieder superinteressant mit so vielen Materien zu tun zu haben.

Was sagen die Leute, sobald Sie sie wieder zurück "nach Österreich bringen", sprich zum Ausgang?

Meistens ist das Feedback sehr positiv, die meisten kommen rein und können sich überhaupt nicht vorstellen, was die UNO in der Praxis macht. Das was sie im Großen macht, das was man in den Medien sieht. Viele können sich auch nicht vorstellen, was hat die UNO mit dem täglichen Leben zu tun. Was machen wir in Wien eigentlich genau. Und wenn sie dann kommen und die Beispiele sehen und  Ausstellungen und die Fragen stellen können, dann merkt man, dass sie mehr verstanden haben. Was die UNO eigentlich genau macht, was es bedeutet und dass wir die UNO brauchen. Meistens bekomme ich ein positives Feedback. Das motiviert mich dann umso mehr.

Welche Sprachen sprechen Sie?

Ich halte die Führungen zu 70 Prozent auf Deutsch, dann kommt Englisch. Ich halte sie auch auf Französisch und Arabisch. Das sind meine Arbeitssprachen.

Und multikulturell aufgewachsen.

Ja. Meine Eltern kommen aus Ägypten. Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Arabisch und Deutsch. Ich habe dann in der Schule später Englisch gelernt, und hatte dann auch sechs Jahre Französisch. Dort konnte ich auch meine Sprachen weiter praktizieren.

Mehrere Sprachen zu sprechen, ist auch ein Startvorteil im Leben?

Es ist immer ein Vorteil mit den Sprachkenntnissen auf jemanden eingehen zu können. Mit vier Sprachen ist man also sehr gut aufgestellt.

Die UNO selbst, warum fasziniert diese Sie so?

Ich glaube, es ist die Arbeitsatmosphäre aus. Man erfährt so viel über andere Kulturen und Länder. Man kann sich ein eigenes Bild machen und sich überlegen und daran arbeiten, wie die Zusammenarbeit in Zukunft noch viel besser aussehen könnte.

Generell glaube ich, dass der Arbeitsmarkt in Zukunft sehr divers werden wird. Durch die Globalisierung gibt es einfach eine hohe Migrationsrate, und das ist ein großer Vorteil mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen arbeiten zu können. Ich finde das auch daher so wichtig, wie das dann in der Praxis umgesetzt werden kann.

Haben Sie Interesse an einer Karriere im diplomatischen Dienst?

Ich werde diesen Job noch etwas weitermachen und dann würde mich natürlich der österreichische diplomatische Dienst sehr interessieren. Das werde ich auf alle Fälle versuchen.

Welche Qualifikationen braucht man dafür?

Früher durfte man nur mit Politik oder Jus oder Wirtschaft das Préalable machen. Jetzt ist es egal, welches Studium man gemacht hat. Man muss einen Master oder Magisterstudium haben und Berufserfahrung haben, passiv Französisch sprechen. Sich für die Prüfung bewerben, das ist natürlich ein längerer Prozess. Das bedeutet zwei Jahre Ausbildung im Außenministerium, danach 6 Monate ein Stage. Also ein Praktikum in einer Auslandsbehörde. Damit man sieht wie die diplomatische Arbeit aussieht. Und ab dann wird man in den diplomatischen Dienst eingesetzt.

Jetzt sind Sie aber noch in einem Dienstverhältnis ohne Diplomatenstatus. Wie viele Stunden arbeiten sie in der Woche?

Das hängt auch davon ab, wie viele Gruppen kommen. Im Winter ist es tendenziell weniger. Ab März bis Juni bin ich bis zu 19 Stunden  hier.
Sie sind Teil eines multilingualen und wahrscheinlich multikulturellen Teams.

Im ganzen Team sprechen wir über 16 Sprachen. Sie alle kommen aus den unterschiedlichsten Kulturen, die meisten sind zweisprachig aufgewachsen.

Ist es ein junges Team?

Die meisten machen das neben dem Studium, es gibt aber auch ältere Tourguides, die schon seit über 20 Jahren hier sind.

Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Führungen gibt es das ganze Jahr über. Wie viele Menschen kommen zu Ihnen?

Letztes Jahr waren 58.000 Besucher hier. Die größten Gruppen umfassen ca. 25 Leute. Das versuchen wir schon zu beschränken, so dass jeder etwas mitbekommt. Also ab 25 teilen wir die Gruppe.

Ich selbst habe eine Führung mitgemacht. Und dabei ist mir aufgefallen, dass viele eigeninitiativ herumlaufen.

Erwachsene fotografieren schon gerne und gehen dann auch weiter weg. Ohne dem Tourguide Bescheid zu geben, aus diesem Grund muss man auch immer wieder daran erinnern. ‚Bitte bleiben sie in der Gruppe‘.

Sie kommen quasi jeden Tag in diese andere Welt, um anderen einen Teil davon zu zeigen.

Jedes Mal wenn ich in der Früh meinen Dienst beginne und die wehenden Fahnen sehe, motiviert es mich zusätzlich. Natürlich gibt es auch gute und schlechte Tage als Tourguide, aber meistens bin ich immer sehr positiv und energiegeladen. Natürlich, je mehr Führungen stattfinden man hat, desto müder wird man. Vielleicht ist man nach der fünften Führung nicht mehr so wie bei der ersten, aber an und für sich mache ich das total gerne. Die meisten Gruppen sind auch sehr interessiert. Es kommt ja irrsinnig viel zurück und das tut gut, dann erzählt man noch mehr und geht in die Tiefe und interagiert mit der Gruppe.

Was bedeutet Wien für Sie?

Ich lebe in Wien, ich studiere in Wien. Es gibt schon Sachen, die man verbessern könnte. Man hat sich noch nicht ganz darauf eingestellt, dass Diversität eine Rolle spielt und spielen wird. Und das Positive daran sieht. Es ist immer noch diese Angst da, dass man davon nicht profitieren könnte. Wir haben uns beim Studium mehr mit dem Thema beschäftigt. Und ich glaube, dass man da noch sehr viel rausholen kann.  Unternehmen könnten noch sehr viel lernen, wie das in der UNO funktioniert. Und das als "Best Practice" ansehen und in den Unternehmen selbst anwenden.

Eigentlich funktioniert es besonders gut, so unterschiedlich man auch ist, zusammenzuarbeiten und die Unterschiede erst gar nicht zu sehen. Dann kann jedes einzelne Unternehmen davon profitieren.

Sehen Sie sich als Wienerin oder sind Sie multikultureller Natur?

Ich bin in einer sehr kleinen Stadt in Österreich aufgewachsen, in Mürzzuschlag. 10.000 Einwohner Gemeinde. Habe mich dort viel mehr zugehörig gefühlt zu Österreich als zu Ägypten. Da ja auch die ägyptische Community dort nicht vorhanden war. Ich bin wahrscheinlich zu 90 Prozent Österreicherin, aber auch zu 10 Prozent Ägypterin. Es mischen sich natürlich beide Kulturen, aber da ich hier aufgewachsen bin, ist es viel mehr Österreich.

Wie pflegen Sie die ägyptischen Wurzeln?

Je älter man wird, desto mehr will man sich damit auseinandersetzen. Meinen Eltern war am Anfang wichtig, dass ich gut Deutsch kann, hatten Angst, dass ich einen Nachteil in der Schule haben werde, daher haben sie mit mir sehr viel Deutsch geredet. Wir sind aber immer nach Ägypten geflogen für zwei, drei Monate. Es wurde dort sehr viel arabisch gesprochen, so konnte ich beide Sprachen sehr leicht lernen. Das ist ein Startvorteil.