"Wiener Zeitung": Heute wird weltweit der Tag der Vereinten Nationen gefeiert. Wie stehen Sie dazu?

Alison Smale: Ich freue mich jedes Jahr auf diesen Tag. Er sollte zum Nachdenken anregen, wohin wir als Weltorganisation steuern.

Sie kommen aus dem Journalismus, arbeiten aber seit September als Untergeneralsekretärin für Globale Kommunikation der UNO in New York. Was treibt Sie an?

Neugierde. Die ist auch wesentlich im Journalismus. Denn wenn man nicht neugierig ist, wird man nicht ausfindig machen, was die Leute motiviert. Jetzt muss ich meine Neugierde etwas umpolen und mich fragen: Was können wir als UNO machen? Was können wir uns leisten? Was ist erreichbar?

Mit dem Zusatz "Globale Kommunikation" hört sich Ihre neue Berufsbezeichnung imposant an.

In der Tat. Sie soll ja auch die Hoffnung wiederspiegeln, dass diese Weltorganisation jeden Teil auf dieser Erde erreicht. Dafür engagieren sich in New York 400 Mitarbeiter, weitere 300 sind auf der ganzen Welt tätig. Sie kommen von überall her, sind aus dem Journalismus, multinationalen Organisationen und den Vereinten Nationen selbst. "It Takes a Village", sagte schon Hillary Clinton. Man braucht eben ein buntgemischtes Dorf, um effektiv zu kommunizieren.

Verorten Sie Bürokratie in den Vereinten Nationen selbst?

Ja, die gibt es definitiv. Für einen Neuankömmling wie mich ist es unverständlich, wie man in Akronymen sprechen kann. Ich liebe Fremdsprachen, aber diese möchte ich nicht lernen. Kunstgebilde aus Anfangsbuchstaben tragen nicht unbedingt zu einer klaren Kommunikation bei.

Das heißt, Sie wollen allfällig verkrustete Strukturen aufbrechen und transparenter machen.

Ich weiß nicht unbedingt, ob sie verkrustet sind. Aber ich weiß, dass innerhalb der UNO eine Sprache gesprochen wird, die nicht die Sprache von jenen Leuten ist, mit denen wir kommunizieren sollen. Daran müssen wir arbeiten.

Wen wollen Sie konkret ansprechen?

Die Jugend. Ihre Hoffnungen und ihre Energie. Denn ohne die jungen Leute wird diese Organisation nicht sehr lebendig weiterexistieren. Leider kann die jüngere Generation nicht mit unserer zufrieden sein. Wir überlassen ihnen eine Welt, die von Kriegen, Klimawandel, Migration, Armut und unzähligen Gefahren für die Menschheit geprägt ist.

Und was wollen Sie kommunizieren?

Dass sich der Kampf für eine bessere Welt lohnt. Und dass all jene, die ihren Idealismus noch nicht verloren haben, mitmachen können. Ich würde titeln: "Wir machen, wovon Sie träumen". Aber das bedarf einem aktiven Kommunikationsfluss.

Auf sämtlichen medialen Plattformen?

Digital sind wir gut aufgestellt und präsent. Aber: Moderne Medien erfinden sich täglich neu und ändern sich. Was bedeutet, dass wir viele Straße entlangfahren müssen, um jene zu finden, die wir noch nicht erreicht haben. Ich glaube nicht, dass es im digitalen Raum noch Mauern gibt. Denn diese existieren nur am Boden und vielleicht noch in unseren Köpfen.

Ihre Aufgabe wird wohl sein, Ressourcen, sprich Geld und das Know-how, klug einzusetzen.

Mein augenblickliches Lieblingsbeispiel ist Pakistan: Es ist ein wichtiges Land mit über 200 Millionen Menschen, eine nukleare Macht mit einer nicht unbedingt stabilen politischen Lage. Rund 65 Prozent der Bevölkerung kann man nur via Radio erreichen. Die Kommunikationsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Jedes Land auf der Welt hat also dahingehend seine individuelle Infrastruktur. Diese muss man beobachten, um intelligent handeln zu können.

Muss sich die UNO eigentlich vermarkten?

Im klassischen Sinne nicht. Bei uns gibt es ja nichts zu kaufen. Aber wir brauchen ein Branding, das Konformität ausstrahlt und Klarheit. Wir müssen die Leute dazu bewegen, dass sie uns zuhören. Der wesentliche Punkt in meinem Job ist: Klarmachen, wohin wir steuern.

Um beispielsweise den Slogan "Strong UN, Better World" griffiger zu machen?

Wir müssen uns ja nur bildlich vorstellen wie die Welt im Jahr 2030 aussehen wird. Nicht wirklich gut! Daher ist ein möglicher Weg für eine bessere Welt, an der Agenda 2030, den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, zu arbeiten. Ganz oben steht die Bekämpfung von Armut. Jede Regierung der Welt hat sich verpflichtet, einen Beitrag zu leisten. Das bedeutet konkret, dass die jungen Leute, die nicht zufrieden sind, zu ihren Regierungen gehen und ihre Rechte einfordern können: "Ich suche einen Weg, der Armut zu entkommen. Ihr habt uns das vor zwei Jahren in New York versprochen. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass ihr etwas dagegen tut. Also, wie sieht euer Plan aus?". Bürger können sich sehr wohl miteinbringen in den Prozess.

Auf nationaler Ebene wie auf globaler Ebene?

Natürlich ist Multinationalismus ein Grundglaube der UNO. Aber es gibt die unterschiedlichsten Formen von Bewusstsein, sei es global oder bei sich zu Hause, da wo die Heimat ist. Grundsätzlich sollte sich jeder Mensch so verhalten, dass er seinem Gewissen gegenüber im Reinen ist. Auch hat jeder das Recht, so zu leben und an das zu glauben, was und wie er es für richtig hält. Und auch wo immer man sein möchte.

Zur größten Problematik der Gegenwart gehört die wachsende Migration.

Leider ja. Momentan sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht wegen dem Klimawandel und Kriegen. Wer will schon von dem Ort wegziehen, wo er geboren und aufgewachsen ist? Wir müssen solche Bewegungen unnötig machen. Die UNO arbeitet gegenwärtig an einer Vereinbarung über Migration und Flüchtlinge. Ich bin darauf gespannt, wie viele Mitgliedsstaaten beitreten werden. Und sehe das Ergebnis als Lackmustest für die Vereinten Nationen.