Ob Asadullah schon am Weiher war? "Nein", lacht er, der den Hindukusch kennt, und gegen den ist das Tote Gebirge eine flache Ebene. Ein Tscheche ohne Ticket, den er notiert, wird wohl brennen müssen, die Besitzer des schwarzen Van, deren Kinder "Ella und Niklas" heißen, wie das Pickerl an der Heckscheibe verrät, haben hingegen alles richtig gemacht. Tschechen, hört man, gehen nicht zum Schiederweiher, sondern weiter hinauf zum Priel. Und dann liest man wieder in der Gratiszeitung, dass sie sich verirrt haben oder abgestürzt sind. Oder dass Ella der Mädchennamen der Saison ist.

Kindergeburtstagsfeierüberbleibsel. - © Rebhandl
Kindergeburtstagsfeierüberbleibsel. - © Rebhandl

Wir betreten den Wanderweg über eine Holzbrücke, an deren Geländer ein erster Ballon hängt, einer von vielen, die wir am Weg noch an Bäumen und Sträuchern sehen werden - Kindergeburtstagsfeierüberbleibsel. Das Private wird immer weiter ins Öffentliche hinausgetragen, aber kaum ist es draußen, muss man es wieder einfangen: "Ella, komm her!" "Ella, geh nicht so schnell!" Und vor allem und immer wieder: "Ella, pass auf!" Die Natur, so schön sie ist, so gefährlich ist sie natürlich auch.

Darum hat die Industrie den Allzweckhelm für Kinder entwickelt, der nun auch schon zum Wandern getragen wird. Und wenn die Zwutschgerl beim Weiher zum Wasser hinunter dürfen, in dem die Forellen stehen - worauf zwei Wandersmänner mit Kennerblick hinweisen -, dann heißt es: "Ella, fall nicht hinein!" Wo kein Helm auf dem Kinderkopf, da baumelt ein Sonneschirm über ihm, der an immer sportlicheren Kinderwagen befestigt ist, die joggingtauglich sein müssen oder zumindest eine Anhängerkupplung fürs E-Radl brauchen. Und dann gibt es noch jede Menge Krax’n, in denen die Kleinen getragen werden. Krax’n: mit so etwas hat man früher das Heu von den steilen Hängen heruntergetragen. Aber daran erinnert sich keiner mehr, außer vielleicht noch Albert.

Atmungsaktiv

Albert ist 85 und geht mit seiner Frau regelmäßig den Weg zur Polsterlucke, früher meist alleine, heute eben mit hunderten Individualisten, die ihr Geld der Freizeitkleidungsindustrie hinterherschmeißen, damit sie alle gleich ausschauen. Kaum noch jemand, der in einer klassischen Samstagsbluejeanshose wandert. Dafür tragen sie alle Atmungsaktives und Orangenes von Patagonia, Northland, Jack Wolfskin oder Tschibo. Tracht sieht man selten, obwohl Hinterstoder ganz schön türkisblau ist.

Ganzjahresorange sind hingegen jene Holländer, die für eine erste Flaschenhalssituation am Weg sorgen. Mit Wanderhüten so groß wie ein niederösterreichischer Kreisverkehr stehen sie herum und greifen nach Nüssen. Nüsse = Energie, das liest man ja überall, und wer selbst beim Nüsse-Essen nicht ständig fotografiert, mit dem stimmt irgendwas nicht. Ich stoße mit einem von ihnen zusammen und simuliere eine Brustkorbprellung, während der joviale Chef der Truppe mir erzählt, dass er schon zum 47. Mal hier wäre, im 35. Jahr seiner Ferien an diesem Ort. Und weil er schon am Erzählen ist: Er ist 180 cm groß bei 70 Kilo Gewicht und einer Schuhgröße von 48. Was haben wir gelacht!

Albert schätzt solche Gruppen eher nicht so. Er besitzt in der Nähe ein Ferienhaus, aber so richtig erholsam ist das hier nicht mehr, seit Buben mit Walkie-Talkies an ihm vorbeirennen und nerven, aber sag heute etwas zu einem Kind! "Achtung, Achtung. Ein Huhn!", lautet der Funkspruch. Es ist eine Ente, aber egal.