Aufschluss liefern die Werbe- und Informationsbroschüren der Reisebranche, denn sie will Umsätze machen und produziert das, was Kunden kaufen. Diskursanalytische Betrachtungen von Tourismusmaterialien haben ergeben, dass Prospekte, Inserate, Kataloge, Reiseberichte, auch Reiseführer mit ihrer Bildsprache und Wortwahl stereotypisierte Darstellungen von Idyllen vermitteln.

Im Vokabular findet sich eine beträchtliche Häufung von Substantiven wie "Paradies", "Märchen", "Traum", "Zauber", "Perle" und von Adjektiven wie "leuchtend", "bunt", "vielfärbig", "schillernd", "prächtig", "kostbar", "weltberühmt". Begriffe, die negativ konnotiert sind, kommen in solchen Schriften nicht vor.

Die Begleiterscheinungen des durchtechnisierten Alltags einer globalisierten Gesellschaft, die zwar unentbehrlich sind, aber unromantisch, werden ausgeklammert, es finden sich keine Industrien und Plattenbauten, keine Strom- und Sendemasten, keine Kraftwerke und Kläranlagen. Die Menschen, die den Katalogseiten Leben einhauchen, sind jung, schön, schlank und gesund - und lächeln stets. Wenn Alte abgebildet werden, tragen sie konturierte Gesichter, die Assoziationen von interessant, friedvoll, freundlich oder weise erlauben.

In den Texten wird auch alles vermieden, was Ängste und Unsicherheiten auslösen und das Buchungsverhalten hemmen könnte. Deswegen heißen die Regionen im Branchen-Jargon nicht "Nahost" und "Nordafrika", sondern "Orient", manchmal auch "Maghreb", nicht "Israel", sondern "Heiliges Land", nicht "Ukraine", sondern "Galizien", deswegen reist man nach Kappadokien, Andalusien, Kamtschatka oder in die Südsee. Ob es diese Orte als geografische oder politische Einheiten gibt oder nicht oder zumindest historisch gegeben hat, ist unerheblich, wichtig aber, dass die Worte wohltönend sind und klangvoll, was durch eine Häufung von Vokalen garantiert ist.

Die Erlebnisindustrien leisten Hervorragendes, um die imaginären Geografien, die den Köpfen und den Sehnsüchten entspringen, in konkreten begehbaren Räumen auferstehen zu lassen. Sie sind für Kurzzeitnutzung konzipiert und gehorchen dem ökonomischen Zirkel von Nachfrage, die Angebot schafft, und Angebot, das Nachfrage schafft.

Die Magie derHotelgärten

Urlaub im Garten Eden: Hotelgärten idealisieren Visionen des Tropischen und inszenieren Paradiesvorstellungen. Hier eine Anlage auf der Insel La Reunion. - © G. Standl/laif/Picturedesk
Urlaub im Garten Eden: Hotelgärten idealisieren Visionen des Tropischen und inszenieren Paradiesvorstellungen. Hier eine Anlage auf der Insel La Reunion. - © G. Standl/laif/Picturedesk

Der Ethnologe David Picard untersuchte die tropischen Gärten auf Réunion, weniger die nicht kultivierten Landschaften außerhalb der Siedlungen, als speziell für touristische Nutzung konzipierte Anpflanzungen, insbesondere Hotelgärten. So stellt er fest, dass die Anlagen einer erstaunlichen Standardisierung und Uniformität unterliegen, dass sie idealisierte Visionen des Tropischen wiedergeben, dass sie vormoderne Paradiesvorstellungen inszenieren, die ihrerseits zurückgehen auf den Topos des alttestamentarischen Garten Eden.