Auch der Mount Everest ist längst touristisch erschlossen - immer mehr wollen auf den höchsten Berg, so wie diese Gipfelstürmer. - © apa/afp/Phunjo Lama
Auch der Mount Everest ist längst touristisch erschlossen - immer mehr wollen auf den höchsten Berg, so wie diese Gipfelstürmer. - © apa/afp/Phunjo Lama

Was darf man daraus schließen? Es entsteht in urbanen Wohnräumen ein größeres Bedürfnis nach Erholung und Abwechslung als in ländlichen Regionen, deren Bewohner, auch wenn nur noch Wenige der Scholle verhaftet sind, doch eher eingebettet sind in familiäre und dörfliche Strukturen. Zwar mögen manche unter Druck und Enge leiden, aber solche Lebensumstände produzieren offensichtlich weniger Entfremdung und soziale Kälte als städtische, in denen man die Nachbarn nicht kennt, die Familie weit weg ist und die Wege zwischen Arbeits- und Wohnort schon viel von der Freizeit absorbieren, die Dorfbewohner gemäß ihren Bedürfnissen gestalten können.

Jedenfalls wird ein Teil des touristischen Begehrens in Hotel-Resorts mit üppigen Gartenanlagen und üppigen Büffets kanalisiert. Doch nicht alle Urlaubsbedürftigen und Reiselustigen wollen sich mit solch künstlichen Konsumwelten begnügen. Es gibt eine touristische Nachfrage, die das Konstruierte im massentouristischen Sehnsuchtsort durchschaut und die das Echte, Authentische, Ursprüngliche, Unverfälschte im individuellen Erleben zu finden hofft, möglichst weit entfernt von den klimatisierten Märchenwelten, hoch im Himalaya oder tief im Sahel, am Amazonas oder auf Inseln des Südpazifik.

Auch wenn dieses Verlangen nur ein Nischensegment ausfüllt, wurde es längst ebenfalls von Reisemärkten gekapert. Deswegen führen organisierte Touren für diese Zielgruppen in periphere Regionen des globalen Südens, in die kargen Lebensräume von Indigenen, von Viehzüchternomaden und Jäger- und Sammlergesellschaften. Und so schreitet auch die touristische Erschließung von Wüsten und Regenwäldern, von abgelegenen Hochgebirgs- und Inselregionen voran, in denen Minderheiten, politisch und ökonomisch marginalisiert, um Land- und Ressourcenrechte kämpfen.

Trendumkehr durch "Overtourism"

Denn unabhängig davon, ob die alljährlich Urlaubsreifen ihre Träume im Luxus einer Hotelanlage oder in der Abgeschiedenheit einer Rückzugsregion zu verwirklichen suchen, hinterlassen sie ihre Spuren. Die imaginierten Paradiesvorstellungen halten nur so lange stand, als Touristen aus ihren Überlegungen die sozio-ökonomischen Realitäten der Destinationen ausklammern, die mitunter einige Unbequemlichkeiten für die Einheimischen und für die in den Erlebnisindustrien Beschäftigten bergen.

Was bedeutet die jährliche Paradiessuche für die Zielorte? Ein Business, das Einheimische am Kuchen nicht beteiligt, stattdessen aber ihre Lebensräume bedroht, hat vielerorts zu Konflikten geführt. Es ist eine verfehlte Tourismuspolitik, wenn Wasser für Beherbergungsbetriebe abgezogen wird, das in der Landwirtschaft benötigt würde, wenn Fischgründe wegen Ausflugsbooten gefährdet sind, wenn Immobilienpreise so hoch steigen, dass Einheimische sich die Mieten nicht mehr leisten können, wenn Ärzte in die Tourismusregionen absiedeln, weil dort bessere Verdienstmöglichkeiten sind, wenn mit Steuergeldern Infrastruktur geschaffen wird, die nur Touristen brauchen, etwa Straßen in Nationalparks, Stromversorgung und Kanalisation für Hotel-Resorts.

Die Liste von ausbeuterischen Projekten mit unerwünschten Wirkungen ist lang, dieselben Fehler werden immer wieder gemacht, wenn neue Destinationen erschlossen werden. In der Regel führen erst Phänomene des Overtourism zu einer Umkehr und zur Berücksichtigung der längst bekannten Kriterien einer nachhaltigen, sozial- und umweltverträglichen Entwicklung. Im Rahmen einer verantwortungsvollen Tourismuspolitik müssen diese aber auch umgesetzt werden; es muss ein Interessensausgleich angestrebt werden zwischen Reisenden und Bereisten, zwischen der Gewinnsucht von Investoren und Unternehmern und den Wünschen und Bedürfnissen der Wohnbevölkerung.