Die "Insel", wie der Wiener sagt, sollte es eigentlich gar nicht geben. Die ÖVP war dagegen. 1969 stimmte sie im Wiener Gemeinderat gegen den Bau des Hochwasserschutzes. Aus Protest gegen den Baubeginn ließ sie 1973 sogar die Koalition mit den Sozis platzen, die sie trotz absoluter Mehrheit in die Regierung geholt hatten. Das historische "Nein" der Volkspartei gilt bis heute als Beispiel für Zukunftsverweigerung und politische Engstirnigkeit.

Wien ohne die Insel wäre wie Paris ohne Notre Dame. Zum Glück brennt die Insel nicht. Sie hat sich vom schnöden Hochwasserschutz zum Herzen der Hauptstadt gemausert. Der 20 Kilometer lange Grünstreifen zwischen Neuer Donau und Donau ist ein Refugium für die Großstadtseele. Hier kann man den Wiener in seinem natürlichen Habitat studieren. In den FKK-Zonen im Süden und Norden versengen Genitalien unter der Sonne. Nackte Männer drehen auf Rollschuhen Pirouetten. Eine türkischstämmige Wienerin zieht einen Kugelgrill über die Wiese. In der Luft hängt der Duft geschmorter Fleischlaibchen und Gurkensalat. Auf dem schmalen Asphaltband surrt eine Gruppe Rennradfahrer vorbei. Ihre Overalls strahlen in den Neonfarben der 1980er-Jahre. Auf der Donauinsel wird dem Sport genauso gefrönt, wie dem Müßiggang. Grillen, Lesen, Trinken, Drachensteigen, Kicken, Baden. In Richtung Süden dünnen sich die Menschen aus. Hier gibt es die wirklich idyllischen Plätze, die Albaner Schotterbank etwa. Wem das Wasser der Donau zu kalt ist, der wechselt einfach die Seite. Die Temperaturen der stehenden Neue Donau sind im Hochsommer ideal.

Doch die Badestadt Wien glänzt auch abseits der "wilden" Naturstrände. Berufstätige Eltern kennen die Vorzüge der innerstädtischen Familienbäder. Sie sind die Nachfahren der sogenannten Tröpferlbäder. Der Gesundheitsdiskurs um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert ließ in Wien öffentliche Brausebäder aus dem Boden schießen. Das Rote Wien wollte vorwiegend armen Mitbürgern die Gelegenheit bieten, sich zumindest einmal in der Woche zu säubern. Die Tröpferlbäder starben mit dem steigenden allgemeinen Wohlstand aus. Was blieb sind winzige Familienbäder. Elf Stück gibt es derzeit in Wien. Ihre großen Vorteile: Sie sind mitten im urbanen Raum, meist in Parks wie dem Augarten oder dem Währinger Park. Die kleinen, seichten Becken heizen sich schnell auf. Bibbernde Kinderkörper sucht man hier vergebens.

Für große Kinder empfiehlt sich das Schafbergbad. Hoch über den Köpfen der Stadt zeigen braungebrannte Jugendliche ihre Körper. Das pubertäre Schaulaufen im Schatten postsowjetischer Freibadarchitektur hat etwas Rührendes. Der Ausblick vom Rutschturm ist fantastisch, die 102 Meter lange Röhre auch. Überhaupt bietet das Bad alles, was das Badeherz begehrt. Weitläufige Becken zum Plantschen und Schwimmen, Sprungturm, Tischtennisplatten, Beachvolleyball- und Minigolfplatz. Im Grunde ist das Schafbergbad in Hernals das sozialdemokratische Pendant zum Döblinger Krapfenwaldlbad. Tummeln sich dort die Gstopften, baden am Schafberg jährlich 270.000 einfache Wiener unter ihresgleichen mindestens genauso luxuriös. Bricht der Abend über den Schafberg herein, bricht der Wiener auf. Nun bieten sich unzählige Möglichkeiten. Nur heim will er nicht.