Wien. "Über das Urlaubsgeld habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich habe das immer als selbstverständlich hingenommen", sagt die Sekretärin Marlene S., die in Teilzeit arbeitet. Wie alle Angestellten in Österreich bekommt sie jeden Juni ihr Urlaubsgeld, das dem 14. Monatsgehalt entspricht, begünstigt besteuert wird und nicht mit der Lohnfortzahlung im Urlaub zu verwechseln ist. Dass ihre monatlichen Mehrstunden, für die sie keinen Zeitausgleich bekommt, angerechnet werden müssen, hat Marlene S. nicht gewusst. Sie sagt: "Für mich gehört das Urlaubsgeld einfach zum Einkommen und ich spar es auch nicht dezidiert, um zu verreisen."

Damit ist sie nicht alleine. Nur etwas mehr als ein Drittel der Österreicher gibt das 14. Monatsgehalt tatsächlich für die Ferien aus, wie eine Umfrage der ING-Diba zeigt. Als Luxus wird die sozialpartnerschaftliche Errungenschaft längst nicht mehr gesehen. Und schon gar nicht für Luxusausgaben verwendet. 22 Prozent der Österreicher stecken ihr Urlaubsgeld in die Notfallkasse, 16 Prozent tilgen Schulden.

Was wohl die meisten gemeinsam haben: Sie rechnen fix damit. Was viele nicht wissen, ist, dass die Sonderzahlungen nicht gesetzlich festgeschrieben sind und genau wie Lohnerhöhungen Jahr für Jahr von den Gewerkschaften in den Kollektivverträgen ausgehandelt werden müssen.

Zumindest was das Urlaubsgeld anbelangt, ist Österreich noch eine Insel der Seligen. Hier bekommen flächendeckend alle Angestellten dank Kollektivvertrag-System 13. und 14. Monatsgehalt ausgezahlt, die dem Weihnachts- und Urlaubsgeld entsprechen und für gewöhnlich im November und Juni ausgezahlt werden.

In Deutschland sieht es längst nicht so rosig aus. Dort bekommen nur noch 43 Prozent der Beschäftigten Urlaubsgeld, wie die gewerkschaftsnahe deutsche Hans-Böckler-Stiftung mitteilte. Vor allem für die Beschäftigten ohne Tarifbindung sieht es schlecht aus, nur 32 Prozent von ihnen bekommen noch Urlaubsgeld. Männer bekommen es mit 47 Prozent deutlich häufiger als Frauen (37 Prozent).

Laut einer Umfrage des Instituts für empirische Sozialforschung Ifes fürchtet ein Viertel der Österreicher, das liebgewordene Privileg des sechsprozentigen Steuersatzes zu verlieren. Eine Streichung der Ausnahmen brächte dem Fiskus laut Experten 5,4 Milliarden Euro.

Doch Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld sind - noch - heilige Kühe. Politisch angegriffen wurden sie zuletzt in den Neunzigerjahren vom damaligen SPÖ-Finanzminister Ferdinand Lacina. Er war der Meinung, dass die niedrige Besteuerung der Sonderzahlungen vor allem Besserverdienern nutze. Der ÖGB rebellierte, eine Mehrheit konnte Lacina nicht für sich gewinnen. Wie ist es heute um das Urlaubsgeld bestellt? "Ich mache mir da keine Sorgen", sagt Bernhard Achitz, leitender Sekretär im ÖGB. "Die Kollektivverträge haben eine starke Ordnungsfunktion und letztendlich profitiert die gesamte österreichische Wirtschaft. Sie verhindern eine Abwärtsspirale, was Lohn- und Arbeitsbedingungen anbelangt. Daran haben auch Firmen ein Interesse."

Freie Dienstnehmer, prekär Beschäftigte und Selbständige können von Urlaubs- und Weihnachtsgeld nur träumen.