Beinahe ausgestorben, heute wieder präsent: die Wisente. Rinie van Meurs/ NiS/Minden Pictures/ Corbis
Beinahe ausgestorben, heute wieder präsent: die Wisente. Rinie van Meurs/ NiS/Minden Pictures/ Corbis

Unser Globus ist ausgemessen, bis ins Detail abgezirkelt: von den Weltmetropolen bis in die fernsten Winkel des Himalaya, von der Kalahari bis ins Barriereriff. Damit ist auch die Wildnis, wie wir sie heute noch erahnen können, in die Ketten der menschlichen Ein- und Zuordnung gelegt.

Die uneinholbare, womöglich endlose Weite unberührter Landstriche ist der Ordnungs- und Herrschmanie von Homo sapiens erlegen. Google Earth führt es jedermann vor Augen. Handybotschaften vom K2, Massen- und Medienspektakel an den Polen zeigen den Blauen Planeten als winziges, durchgescanntes Sandkorn im All.

Domestizierter Raum

Wildnis, wo bist du geblieben? Schon lange überziehen dichte Wegenetze, Straßen- und Schifffahrtsrouten Mitteleuropa. Sie zerschneiden selbst traumverlorene, malerische bis herbe Siedlungsräume und eine einst üppig überquellende Natur. Landschaften wurden in minutiöser Kartographie im wahrsten Sinne klein gemacht, den Kategorien der menschlichen Grenzziehung unterjocht. In seinem Buch "Karte der Wildnis" bemerkt der britische Autor Robert Macfarlane, dass heute kaum ein Punkt im Vereinigten Königreich weiter als acht Kilometer vom nächsten befahrbaren Weg entfernt ist. Und überall in unseren Breiten das gleiche Bild: Auch in unseren vom Tourismus gefluteten Alpen, einem einstigen Naturraum, sieht es nicht viel anders aus.

Im zerstückelten und zunehmend domestizierten Raum ging es den ursprünglichen Geschöpfen an den Kragen. Arten wie Auer- ochs und Wisent wurden gänzlich ausgetilgt, das "Raubzeug", vermeintlich gefährlich und unwillkommen, in die entlegensten Gegenden des Alten Kontinents abgedrängt. So überlebten Wolf, Luchs und Braunbär in höchst bescheidener Stückzahl - möglichst weitab von der Zivilisation.

Dabei wird überdeutlich: Wildnis ist nicht nur eine fotografisch-ästhetisch fassbare Größe, sondern auch der Lebensraum von Kreaturen, die unserem Blickfeld normalerweise entzogen sind. Mit Fug und Recht lässt sich behaupten: Bestimmte Tierformen vollenden erst einzelne Landschafts- oder Wildnistypen, wie etwa der Wisent einst den ursprünglichen Wald Kontinentaleuropas, der Bison die Prärie oder der Löwe die Savanne.

Mit dem Begriff der Wildnis verbinden sich gegensätzliche Emotionen: Wildnis stößt ab, Wildnis zieht an. Nur zu schroff prallen unterschiedliche Wahrnehmungen und Auffassungen aufeinander. Für den weltordnenden Kulturmenschen gibt es hier bestenfalls Nützlinge und Schädlinge, Harmlose neben Bösen. Demnach reißen feindselige Bestien wie der Wolf oder der blutdurstige Luchs wehrlose Kitze und die vegetarischen Cousinen und Vettern von Bambi. Einzig der hierzulande nie völlig verschwundenen Wildkatze gilt ein ambivalentes Gefühl zwischen ablehnender Skepsis und distanzierter Bewunderung.

Rückkehr der Tiere

Nach dem Verständnis der modernen Biologie dagegen haben wir es mit Beutegreifern zu tun. Sie bilden in einem intakten Ökosystem das notwendige Korrektiv zu den Populationen der Pflanzenfresser. Und diese Einsicht gewinnt an Boden. Sie begünstigt, was man als Rückkehr der natürlichen Bewohner in ihre frühere Heimat bezeichnen könnte.

In den letzten Jahrzehnten begannen ehemals vertriebene Großtiere, verlorengegangenes Terrain in Europa wiederzubesiedeln. Der Trend zur Rückeroberung beruht allerdings nicht allein auf einem verbesserten Schutzstatus und auf größerer Toleranz durch die Menschengattung. Vielmehr vermochten sich offenbar viele Tiere an den menschengeprägten Kultur- und urbanen Lebensraum erfolgreich anzupassen. Wie anders ließe sich erklären, dass mittlerweile etliche für das Landleben prädestinierte Spezies tief in die Städte eindringen? Längst tummeln sich Füchse vor Downing Street 10 und dem Berliner Präsidentenpalast. Dachs, Marder und Turmfalke nisten sich mitten im Häusermeer der Ballungszentren ein, und das Ambiente gutsituierter Villenensembles scheint vor Eber und Wildsau nicht mehr sicher.

Andere Tiere freilich, deren Abwesenheit bis vor Kurzem nicht vorstellbar war, müssen weichen. Der Haussperling, bis dato allgegenwärtig, gehört in diese Rubrik, vom Verlöschen all unsrer Feld- und Wiesenvögel ganz zu schweigen. Wo könnten sie auch Nahrung finden? Insektizid- und herbizidbefeuert, lässt die Intensivwirtschaft in strauchloser Monotonie Unkräutern und Krabbelgetier keine Chance. Und in den Restbiotopen kahlrasierter Schrumpfgärten und krautarmer Parkgrün-Ensembles setzt sich die Misere fort.

Flaggschiff-Arten

Was aber beflügelt Goldschakal und Wolf, Biber und Luchs zur Rückeroberung? Und wo finden sie ihre neue Heimstatt? Es fällt auf, dass die Genannten nicht gerade kleine Arten repräsentieren. Das Gleiche trifft auf den wieder in den Alpen kreisenden Bartgeier und manche andere Arten zu. Deren Bestände haben in jüngster Zeit in unseren zersiedelten Landschaftsräumen zugenommen.

Haben die großen Vierbeiner und stattlichen Gefiederten im Menschenvolk einfach mehr Fürsprecher als die Zwerge, Unauffälligen und weniger Imposanten des Tierreichs? Waldrapp und Großtrappe hätten ohne den Status des Extravaganten wohl kaum eine Chance auf Wiederkehr und Überleben im nach-industriellen Menschenpark. Es sind derartige Flaggschiff-Arten, über die der Mensch seine schützende Hand zu halten bereit ist. Sympathien sind vor allem dann garantiert, wenn Eleganz oder gar technischer Erfindungsreichtum Rettungsakte begleiten oder erst möglich machen. Etwa die "lotsengeführten" Wanderungen schwedischer Zwerggänse und alpenländischer Waldrappe.