"Jiaoyou" ( "Stray Dogs") von Tsai Ming-liang. - © Viennale
"Jiaoyou" ( "Stray Dogs") von Tsai Ming-liang. - © Viennale

Fast 14 Minuten dauert die längste Einstellung in Tsai Ming-liangs neuem Film "Stray Dogs", der beim diesjährigen Filmfestival in Venedig den Großen Spezialpreis der Jury gewann. Sie zeigt einen Mann und eine Frau, am Ende oder am Beginn einer Annäherung, und sie ist eindrücklicher Beweis für den filmischen Kosmos, den der taiwanesische Regisseur so kennzeichnend entwirft: eine Welt, die keinen ökonomischen Regeln folgt und in der wir mit wahrscheinlichen Berechnungen ins Leere laufen. Ming-liang zeichnet das Bild einer ausgestoßenen Familie in einem verfallenen Haus am Rande der Metropole Taipeh; die Suche nach einer Mutter; das Warten auf das Verheilen von persönlichen und historischen Rissen.

Vom Versuch, mit (Um-)Brüchen zurechtzukommen, erzählt auch der chinesische Regisseur Jia Zhangke in seinem neuen Film "A Touch Of Sin" (heuer in Cannes dafür mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet). Basierend auf vier realen "Vorfällen", die in den Provinzen Shanxi, Chongqing, Hubei und Guangdong für Aufsehen sorgten, behandelt er in vier Episoden und mittels seiner charakteristischen Verbindung aus Profi- und Laienspiel sowie Dokumentarischem und Fiktivem, die persönlichen Geschichten von Menschen, die im turbokapitalistisch umgewälzten China unter die Räder geraten. Auf den Verlust ihrer Wür-
de reagieren sie mit Gewalt, was bei Zhangke in eine epische Martial-Arts-Erzählung mündet, vom Widerstand des Einzelnen gegen die Willkür der Herrschenden. Der freie Wille dagegen ist ein zentrales Thema in "Til Madness Do Us Part", einer vierstündigen, eindringlichen und außerordentlichen Dokumentation des chinesischen Filmemachers Wang Bing. Über einen Zeitraum mehrerer Monate hat er die männlichen "Insassen" eines psychiatrischen Spitals mit seiner Kamera begleitet, wobei er selbst vom "freien Mann" zum Mit-Gefangenen wurde, so rigoros limitiert gestaltet sich dort der Alltag der Patienten - ein Gefühl, das der Film allmählich auch für den Zuschauer erzeugt.

Sein Spiel mit den Zuschauern hat der südkoreanische Regisseur Hong Sangsoo in seiner langen Karriere perfektioniert. Die Viennale zeigt seine beiden aktuellsten Arbeiten - seine 14. und 15. Filme, "Nobody’s Daughter Haewon" und "Our Sunhi".

Beiden sind seine ewig genialen Themen gemein: eine unentschlossen um diverse Männer kreisende Frau und der selbstmitleidige, egozentrische, ewig vor sich hinjammernde Mann. Wie immer kulminiert alles in der (wiederholten) Begegnung beider und der damit einhergehenden (wiederholten) Konsumation von hochprozentigem Soju.

Von Schnaps umnebelt, entspinnen sich diverse Erkenntnisse, wenn auch zweifelhaft, so doch immer zweifellos genial und einfach; über Identitäten, die Liebe und den Sinn des Lebens. Gescheiterte, Verlassene, Zerrüttete, Zögerliche und Ahnungslose, sie alle finden vor allem bei Sangsoo zu ihrer Bestimmung.