Eine Siedlung im Irgendwo, in der Wüste Mali. Unwirklich scheint der Ort, friedlich, in in der Hitze flirrend und seltsam entrückt. Bevor es Nacht wird, stapft ein vermummter Mann durch die schmalen Straßen zwischen den niedrigen, weißen Lehmbauten und schreit Verhaltensregeln in ein Megafon. Die Bewohner des Ortes ducken sich, flüstern, wenn sie gerade noch gesprochen hatten, stellen die Musik aus. Die abendliche Verkündung ist Teil eines Terror-Rituals und so willkürlich wie absurd. Eine Handvoll Männer hat in der Region vor wenigen Tagen den Dschihad erklärt, nun herrschen neue Gesetze: Die Hosen darf man nur noch aufgerollt tragen. Handschuhe sind für alle Frauen verpflichtend, zu jeder Zeit. Sinn macht das keinen, aber was tun Menschen in einer Wüste, in der es sonst nichts zu tun und nichts zu regeln gibt?

In seinem Spielfilm "Bamako" ließ der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako 2006 bereits die afrikanische Zivilgesellschaft in einer fiktionalen Gerichtsverhandlung gegen die Weltbank und den IWF antreten. Und auch hier läuft es auf eine Verhandlung hinaus, nachdem ein braver Viehzüchter, der mit Frau und Tochter traditionsbewusst und abgeschieden lebt, aus Wut den benachbarten Fischer tötet, weil der seine Netze zertrampelt hat.

Sissako inszeniert die Chronologie der Ereignisse in einem Ton gleich eines Märchens, in dem wundervolle Bilder immer wieder brutal von der Realität durchlöchert werden. Innerhalb dieses Films versteckt sich eine spannende, wichtige und sehr relevante Geschichte, aber sie bleibt hinter einem Ungleichgewicht zurück, das daher rührt, dass Sissako zu sehr simplifiziert, was einer tiefgreifenderen Analyse der Dynamik von Machtverhältnissen bedürfte. Die Islamisten in "Timbuktu" sind hauptsächlich dumm und einfältig, die Debatten, die Sissako aufkommen lässt, sind simplifiziert und simplifizierend. In Timbuktu - auch als allegorischem Ort einer paradox barbarischen "Zivil"-Gesellschaft - werden Steinigungen angeordnet, Zwangsverheiratungen, willkürliche Verhaftungen, Erschießungen, und die Scharia, das islamistische Gesetz billigt all das. Als Zuseher kann man das nicht bereits gewusst haben, und hier lässt einen der Film ratlos - aber nachdenklich - zurück.

Viennale-Termine:
24. Oktober 18:00 Gartenbaukino
26. Oktober 18:00 Urania