Tom McCarthy (links) mit Mark Ruffalo. - © Katharina Sartena
Tom McCarthy (links) mit Mark Ruffalo. - © Katharina Sartena

Vor rund zehn Jahren, da war die Welt der schreibenden Zunft noch in Ordnung. Da leistete sich ein Blatt wie der renommierte "Boston Globe" eigene Recherche-Teams, die oft monatelang hinter einem Skandal herrecherchierten, ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu publizieren. Wenn am Ende dann die Bombe platzte, wurde schnell klar, wieso man solche Medien als "renommiert" bezeichnete: Weil sie die Kernaufgaben einer freien Presse nicht nur wahrnahmen, sondern regelrecht zelebrierten. Im Zeitalter der Blogger-Invasion und oberflächlichen Ja-Sager-Journaille sind solch edle Tugenden rar, weil unwirtschaftlich geworden.

Das befand auch Regisseur Tom McCarthy, der für "Spotlight" anhand eines handfesten Skandals die Tugenden des aufrechten Journalismus durchdekliniert. Es geht um den sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche, den der "Globe" 2001 aufdeckte und der den Bostoner Kardinal Bernard Francis Law schließlich den Job kostete. Das spannend inszenierte Drama mit Michael Keaton, Rachel McAdams und Mark Ruffalo zeigt die beschwerliche Handarbeit, die Aufdeckerjournalisten leisten müssen, um hinter die Fassaden zu blicken.

Aufdecker: Michael Keaton (links) und Mark Ruffalo spielen in "Spotlight" zwei Journalisten. - © Viennale
Aufdecker: Michael Keaton (links) und Mark Ruffalo spielen in "Spotlight" zwei Journalisten. - © Viennale

"Wiener Zeitung": Der aufgedeckte sexuelle Missbrauch in Bostons katholischer Kirche gilt als Paradebeispiel für exzellenten Aufdeckerjournalismus.

Tom McCarthy: Diese Einstellung zum Journalismus stammt im konkreten Fall von Martin Baron (gespielt von Liev Schreiber, Anm.), der 2001 als neuer Chefredakteur zum "Boston Globe" kam und gleich an seinem allerersten Arbeitstag eine Sondertruppe von investigativen Journalisten auf diesen Skandal in der Kirche ansetzt. Es ist sein erster Arbeitstag, 10.30 Uhr, die Morgenkonferenz. Die Kollegen sind erst einmal geschockt. Er hatte eine starke Vision von Aufdeckerjournalismus.

Glauben Sie, dem sexuellen Missbrauch in der Kirche kann man irgendwie beikommen?

Sexuellen Missbrauch gibt es in der Kirche ja seit Jahrhunderten, und das ist nicht von heute auf Morgen zu stoppen. Wenn etwas derart verwurzelt ist in einer Institution, dann kann man den Krebs nicht einfach so herausoperieren. Ich will der Frage auf den Grund gehen: Wie kann es so weit kommen, dass Missbrauch passiert, und niemand redet darüber?

Die katholische Kirche hat sich ja nicht nur durch ihre Mitglieder schuldig gemacht, die den Missbrauch ausgeübt haben, sondern vor allem institutionell dadurch, dass man all diese Fälle vertuscht hat und intern regeln wollte. Darin liegt der Skandal. Das Problem ist, dass durch diese Vertuschungen die Gerichte nicht ordentlich arbeiten können. Das Problem wurde auch lange bagatellisiert. Man redet einfach nicht drüber. Oder man spricht von Einzelfällen. Eine Studie zeigt aber, dass die Missbrauchsfälle in der Kirche mit sechs bis sieben Prozent signifikant höher liegen als in der übrigen Bevölkerung. Der Film kommt auch zu einer interessanten Zeit, denn ich glaube, Papst Franziskus hat einen richtigen Weg für die katholische Kirche eingeschlagen. Es wird nur ein sehr langer Weg sein. Es sieht nach Veränderung aus, und man hofft, dass es nicht nur bei guten Absichten bleibt.