Es gibt wohl kaum einen aktuelleren Film zur Flüchtlingskrise als diesen: "Last Shelter" von Gerald Igor Hauzenberger forscht tief im Inneren eines seit Jahren schwelenden Konfliktes zwischen Idealzustand und Realpolitik. Hauzenberger begleitet in seiner bei der diesjährigen Viennale zur Uraufführung gelangenden Doku "Last Shelter" jene Flüchtlinge, die im Dezember 2012 die Wiener Votivkirche besetzt hielten. Junge Afghanen und Pakistani, die damals negative Asylbescheide erhalten hatten, nachdem man sie in einem Schnellverfahren durchgewunken hat, wollten sich nicht damit abfinden, kein Asyl zu erhalten. Die Abschiebung stand ihnen unmittelbar bevor, und das, obwohl sie aus prekären Bedingungen geflüchtet waren: Das Abbrennen von Schulen und Kopfabschneiden durch religiöse Fanatiker haben sie miterlebt, Familienmitglieder sind ermordet worden.

Die Geschichte ging monatelang durch sämtliche Medien in ganz Österreich und auch in Europa: Bei Temperaturen weit unter Null mussten die abgewiesenen Flüchtlinge wochenlang ohne Bett und Unterkunft ausharren, traten teilweise sogar in den Hungerstreik, um besser auf ihre desaströse Lage aufmerksam zu machen. Trotz breiter öffentlicher Unterstützung werden einige von ihnen abgeschoben. Die Forderungen der Protestierenden waren etwa eine Grundversorgung für alle Asylwerber, der volle Zugang zum Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt, sowie uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Auch wurde die grundsätzliche Infragestellung der Dublin-II-Verordnung und die Löschung der Fingerabdrücke gefordert.

Sein Film spürt feinsinnig den Mechanismen nach, die bei immer mehr Menschen zu einer schleichend eingetretenen Ablehnung der Flüchtlinge geführt haben. - © Stadtkino Wien
Sein Film spürt feinsinnig den Mechanismen nach, die bei immer mehr Menschen zu einer schleichend eingetretenen Ablehnung der Flüchtlinge geführt haben. - © Stadtkino Wien

"Last Shelter" ist Hauzenbergers "Prelude" zum aktuellen Massenansturm der Flüchtlinge auf Europa - der Film spürt feinsinnig den Mechanismen nach, die bei immer mehr Menschen zu einer schleichend eingetretenen Ablehnung der Flüchtlinge geführt haben: Es ist - wie so oft - nicht die Ratio, die Entscheidungen trifft, sondern der Bauch - und der ist in einem politisch aufgeheizten Reizklima sehr oft mit Verdauungsbeschwerden beschäftigt.

Hauzenberger folgte den Flüchtlingen drei Jahre lang mit seiner Kamera. Seine dokumentarische Arbeit ist mehr als eine Chronologie des Lebens von gescheiterten Hilfesuchenden - "Last Shelter" wird schnell zu einem zeitlosen Statement über den Kampf um Asyl, über Gerechtigkeit und den Rechtsstaat, über politische Systeme und ihre Bewahrer, über Menschen mit Mut und über Feigheit. Außerdem reflektiert der Film auch die aktuelle Lage in der Flüchtlingsdebatte: Er zeigt, wie hilflos eine hoch entwickelte Gesellschaft sein kann, wenn es darum geht, zwischen Hilfeleistung und vermeintlicher drohender Wohlstandsminderung abwägen zu müssen. "Last Shelter" wird nach seiner Premiere im Stadtkino am Samstag auch Teil des von der Viennale initiierten "Internationalfeiertags" am 26. Oktober sein. Den gesamten Festivaltag hindurch beschäftigt sich ein Filmprogramm mit den Themen Flucht, Migration, Vertreibung und Fremde. "Last Shelter" wird in Anwesenheit des Filmteams um 18 Uhr aufgeführt.