Gute Stimmung bei der Viennale-Eröffnung: Eva Sangiorgi hat ihre erste Wiener Filmschau zusammengestellt und zeigte sich im Wiener Gartenbaukino zunächst angespannt, dann aber schnell gelöst und lächelnd. Die Italienerin, vormals Leiterin des Ficunam Festivals in Mexiko und seit Anfang des Jahres Chefin der Viennale, rief den verstorbenen langjährigen Viennale-Direktor Hans Hurch in Erinnerung: "Er war derjenige, der mich mit der Viennale bekannt machte, ich bin ihm sehr dankbar, und ich will das Festival in seinem Sinne weiterführen", sagte Sangiorgi.

Auch für die Wiener Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler (SP) war es ein Viennale-Debüt: Sie befand, dass die Viennale in einer Zeit, "in der die Politik gern Grenzen schließt", den Blick auf ebendiese Welt weiten solle. "Die Viennale ist auch eine Feier dessen, was nicht dem Mainstream angehört. Sie gibt unerhörten und ungesehenen Bildern Raum für das Widerborstige, das Sperrige und das Unterdrückte."

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Aus dem fernen Amerika meldete sich der inzwischen 94-jährige Viennale-Präsident Eric Pleskow per Brief zu Wort, in gewohnt kritisch-süffisantem Ton: "Am heutigen Abend ist vieles neu – der Wiener Bürgermeister, die Kulturstadträtin, die Viennale-Direktorin. Ich wünsche mir, dass mit Michael Ludwig der sozialdemokratische Geist dieser Weltstadt erhalten bleibt". Und weiter: "Sollte jemand in der aktuellen Zeit einen roten Faden suchen, so stelle ich mich gerne zur Verfügung. Denn ich bin im Gegensatz zu den aktuellen österreichischen Landesfarben Türkis und Blau eher rot."

Für Eva Sangiorgis erste Filmauswahl stand ihr eine Vielzahl von hochkarätigen Produktionen zur Auswahl, so stark waren die vergangenen Festivals von Berlin, Cannes und Venedig, also jene Filmschauen, die traditionell das Viennale-Programm dominieren. Sangiorgi hat ihren roten Faden im Programm schon ausgemacht, und es geht, sehr zeitgemäß, um Migration: "Migration ist ein Thema, das viele Filme in unserer Auswahl verbindet. Zum Beispiel in Werken wie ‚Styx‘ von Wolfgang Fischer, der soeben mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis ausgezeichnet wurde. Da stellen sich viele Fragen: Wollen wir wirklich eine Welt, die durch Grenzen verschlossen wird? Machen uns Grenzen sicherer und menschlicher?, fragt Sangiorgi in ihrer Eröffnungsrede.

Zum Auftakt wurde in Wien die italienische Produktion "Lazzaro felice" von Alice Rohrwacher gereicht. Die italienische Regisseurin kam nach Wien und zeigte sich im ausverkauften Gartenbau-Kino überwältigt vom begeisterten Publikum: "Es ist unglaublich, hier zu sein – eine Umarmung an den Geist von Hans Hurch, der mir ein großer Freund war. Und ich glaube, die Begegnung mit Eva Sangiorgi ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft", sagte Rohrwacher. "Lazzaro felice" hat den Spirit der Festivalausgabe bereits intus: "Mein Film handelt von Grenzen und ihrer Überwindung", so Rohrwacher. "Ich wurde schon öfters gebeten, den Film in zwei Sätzen zu beschreiben. Doch wenn ich das könnte, dann würde ich diese zwei Sätze sagen, anstatt vier Jahre an dem Film zu arbeiten. Für die Art wie ich Filme mache, ist ein dieser Ratschlag sehr wichtig: Drehe deine Filme genau so, wie du es am liebsten hast. Denn es gibt Millionen Menschen auf der Welt, die das Gleiche mögen wie du."
Viennale-Geschäftsführerin Eva Rotter wagte Rück- und Vorausschau zugleich. " Nach dem plötzlichen Tod von Hans Hurch hatten keine Ahnung, wie sich die Zukunft des Festivals gestalten wird. Mit Eva Sangiorgi beginnt eine neue Ära, ein frischer Diskurs". Das Ziel der Filmschau sei nach wie vor das gleiche, wie schon seit vielen Jahren: "Wir sind hier, um jedes Jahr die beste Viennale aller Zeiten zu machen". Bis 8. November ist nun Zeit, um das zu zeigen.