Das erste Viennale-Wochenende bringt viele Höhepunkte des aktuellen Weltkinos nach Wien. Wir stellen im Folgenden einige der interessantesten Arbeiten vor, die man nicht verpassen sollte:

"ROMA" von Alfonso Cuaron

Wenig Worte braucht Alfonso Cuaron in "ROMA", seiner kritischen Betrachtung einer Mittelstandsfamilie im Mexiko des Jahres 1970, als dort das berüchtigte "Corpus-Christi"-Massaker stattfand, bei dem Dutzende protestierende Studenten von einer paramilitärischen Gruppe getötet wurden. Mit "Gravity" ist Cuaron Oscarpreisträger geworden, mit "ROMA", finanziert von Netflix, kehrt er zu seinen Wurzeln zurück: Es ist sein erster mexikanischer Film seit seinem Durchbruch "Y tu Mama Tambien" (2001).

Der Film schildert weniger eine Erzählung als vielmehr Situationen aus der Kindheit des Regisseurs, der damit in seinen eleganten schwarzweißen Bildern von einem Aufwachsen vor einem sehr politisch angespannten Hintergrund berichtet, jedoch ganz beiläufig auch auf Erinnerungsstücke fokussiert, die scheinbar unwichtig, nebensächlich waren; diesen Hintergrund nach vorn zu holen, ist das Meisterstück Cuarons, der komplexe gesellschaftliche Strukturen der damaligen Zeit mit einer Leichtigkeit und Eleganz durchdringt, ohne dabei jemals unpräzise oder beliebig zu werden. "ROMA" hält sich dabei wie selbstverständlich an kaum eine gängige filmdramaturgische Linie, sondern wirkt wie ein langsamer, steter Fluß, eine optische Seitwärtsbewegung, zurück in eine mexikanische Kindheit. Das Bild der Figuren bleibt aber unkonkret: Vieles geschieht hier in Gruppen, die einzelne Figur hat kaum Stellenwert im Film, es sind die Bilder von Außen auf die eigene Kindheit, die jeder in sich trägt, als könnte man aus der Vogelperspektive auf sich selbst schauen.

Viennale-Termine: 28.10., 18.00 Uhr, 30.10., 06:30 Uhr, 5.11., 13.00 Uhr, jeweils Gartenbau

"Doubles vies" von Olivier Assayas

Die Protagonisten der Pariser Kunst- und Medienwelt stehen in Olivier Assayas' "Doubles vies" im Zentrum. - © Viennale
Die Protagonisten der Pariser Kunst- und Medienwelt stehen in Olivier Assayas' "Doubles vies" im Zentrum. - © Viennale

Bemerkenswertes Kino von Olivier Assayas Sein neuer Film "Doubles vies", eine 107-minütige Auseinandersetzung der bourgeoisen Kunst- und Medienschaffenden aus Paris, die aus Panik vor der Allmacht des Internet und der Algorithmen schon das Ende von Film, Buch, Musik & Co. kommen sehen, ist wortreich und überaus geglückt. Assayas stellt einen unsicheren Autor in den Mittelpunkt, dessen Verleger (Laurent Cantet) sein neues Buch nicht drucken will; rundherum entspinnt sich ein bunter Reigen (auch sexueller Art), bei dem so manche Persönlichkeit auf der Strecke bleibt; das Gefühl, vom Zeitgeist eingeholt und überholt zu werden, schwingt hier mit; irgendwann als "out" zu gelten, irgendwann die "Jungen" nicht mehr zu verstehen, und dann doch da weiterzumachen, wo man ist, was man kann.Juliette Binoche hat darin eine ganz wunderbare Rolle als Schauspielerin in einer Polizeiserie, Assayas stattet den Film mit jeder Menge launiger Referenzen an popkulturelle und hochkulturelle Phänomene aus. Eine Fellatio während einer Kinovorstellung von Michael Hanekes "Das weiße Band" spielt hier eine zentrale Rolle, mit der Assayas sein Traktat über die Zukunft der Medien fast spielerisch anreichert und es überaus wort- und dialogreich gestaltet.

Viennale-Termine: 31.10., 20.30 Uhr, Gartenbau, 1.11., 16.00 Uhr, Urania

"Alice T." von Radu Muntean

Filmstill aus Alice. - © Viennale
Filmstill aus Alice. - © Viennale

In "Alice T." des Rumänen Radu Muntean wiederum ist es eine aufmüpfige 16-Jährige, die ihre Mutter mit viel Radau auf die Palme bringt. Der Aufruhr gipfelt darin, dass das Mädchen schwanger wird. Muntean verdichtet sein Teenager-Drama mit leisen Momenten intimer Einblicke in das Seelenleben der Halbwüchsigen und lotet zugleich die tiefsitzende Verstörung innerhalb der rumänischen Gesellschaft in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche aus. Meisterlich interpretiert wird die Titelrolle von der jungen Schauspielerin Andra Guti, die in Locarno als beste Darstellerin für den Film ausgezeichnet wurde.

Viennale-Termine: 27.10., 16 Uhr, Urania

"Girl" von Lukas Dhont

"Girl": Drama um einen Buben, der sich als Mädchen fühlt - © Viennale
"Girl": Drama um einen Buben, der sich als Mädchen fühlt - © Viennale

"Girl" von Lukas Dhont ging heuer als bester Erstlingsfilm beim Festival von Cannes mit der "Camer d’Or" vom Feld. Das Drama um einen Buben, der sich als Mädchen fühlt, zeigt mit großer Einfühlsamkeit menschliche Konflikte auf. Lara ist ein ganz normales Mädchen, jedoch im Körper eines Buben. Lara will als Ballerina tanzen, Freunde haben und sich verlieben. Sie sehnt sich so sehr nach einem anderen Körper, dass es fast weh tut. Sensibel inszeniert und einer der Filme des Jahres.

Viennale-Termine: 28.10., 23.15 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus