"Das ist antiamerikanischer Trash!" "Wo ist die amerikanische Flagge im Film? Die dummen Liberalen aus Hollywood haben keine Ahnung." "Keine Szene mit der US-Flagge auf dem Mond? Ich boykottiere diesen Film wegen dieser Beleidigung." "Keine Flagge auf dem Mond, also kaufe ich auch kein Kinoticket. Hollywood = liberale, beschissene Arschlöcher. Ihr könnt bei unserer Hymne auf die Knie gehen mit all den anderen Vollpfosten, die Amerika entehren!"

So lauten nur ein paar der (harmloseren) Postings, die im Internet als Reaktion auf Damien Chazelles Weltraum-Drama "Aufbruch zum Mond" (Kinostart: 8. November) erschienen sind. Weit mehr von den Sprüchen mussten in öffentlichen Foren geschwärzt oder gelöscht werden, so zornig und fluchend und untergriffig und rassistisch waren sie. Amerika sagt seine Meinung.

Was war geschehen? Nach der Weltpremiere von "Aufbruch zum Mond" Anfang September beim Filmfestival von Venedig, die großen Beifall fand, war schnell ruchbar geworden, dass an der Geschichte vor allem für fanfarenverliebte Vertreter des US-Selbstbeweihräucherungspatriotismus einiges nicht genehm war. Chazelle inszenierte mit Ryan Gosling in der Rolle von Neil Armstrong dessen langen, harten Weg vom Raumfahrertraining bis zu dem Moment, als Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte und die berühmten Worte sprach: "That’s one small step for a man, one giant leap for mankind." Es war vielleicht der Moment in der Geschichte Amerikas, an dem es sich nicht ganz zu Unrecht am Zenit wähnte.

Was für ein Frevel!

Ein Zenit, den man danach schnell wieder überschritten hatte, weil da doch Störfeuer war, von links, von demonstrierenden Studenten, von Vietnam-Kriegsgegnern. Aber dieser eine Moment, der einte die Nation, als sie noch "great" war. Der eint sie bis heute, und zwar so stark, dass es zu diesem Eklat kommen musste: Chazelle lässt Gosling zwar den legendären Satz sprechen, zu zeigen, wie er jedoch die US-amerikanische Flagge auf dem Mond hisste, darauf verzichtet der Film. Die Flagge ist zwar zu sehen, aber nicht der Moment, in dem sie gehisst wird.

Für patriotische US-Bürger ein Frevel. Denn im Hissen der Flagge steckt viel Symbolik. Nicht umsonst wurde das Foto des Kriegsfotografen Joe Rosenthal weltberühmt, das sechs Soldaten beim Hissen einer US-Flagge auf einem Berg während der Schlacht um Iwo Jima im Februar 1945 zeigte. Es ist den Amerikanern nationales Heiligtum. Kein Geringerer als Clint Eastwood, eigentlich einer der Ultrapatrioten, hat es in seinem Film "Flags of Our Fathers" verewigt (nicht jedoch ohne einen zweiten Film namens "Letters from Iwo Jima" nachzuschieben, der die Ereignisse aus japanischer Sicht erzählte).