• vom 29.11.2018, 16:45 Uhr

Vor Gericht

Update: 29.11.2018, 17:03 Uhr

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Von Daniel Bischof

  • Ein lang schwelender Nachbarschaftsstreit endete mit einer Rauferei samt Bissattacken.

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto).

Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto).© afp/Jack Guez Den verpflichtenden Hundeführschein für ihren Pitbull hat die Zweitangeklagte nicht gemacht (Symbolfoto).© afp/Jack Guez

Wien. Selbst nach Verhandlungsschluss kehrt keine Ruhe ein. Beschwerden hallen durch den Saal, Angeklagte und deren Angehörige umringen den Strafrichter. "Wir sind in einem Gerichtssaal, nicht in einem Wirtshaus", mahnt er bedächtig. Erfolglos. Die Vorwürfe spinnen sich weiter, die Belagerung des Richters wird fortgesetzt, mit Fragen und Klagen wird er übergossen - bis es ihm reicht. "Ich bin kein Streitschlichter!", erklärt er bestimmt und fordert die Anwesenden zum Gehen auf. Mürrisch leisten sie Folge.

Es war der turbulente und vorläufige Abschluss eines Nachbarschaftsstreits, über den am Donnerstag Einzelrichter Andreas Hautz am Wiener Straflandesgericht verhandelte. Angeklagt sind drei Bewohnerinnen eines Gemeindebaus in Floridsdorf. Zwischen ihnen schwelt seit längerem ein Konflikt, der am 10. September 2018 in einer wüsten Rauferei mündete.


"Sie verkaufen auch Drogen"
Die Erstangeklagte wohnt mit ihrem eineinhalb Jahre alten Kind und ihrem Mann in einer Wohnung, über ihr hausen die Zweit- und Drittangeklagte - zwei 20-jährige Frauen. "Sie machen die Nacht zum Tag", beschwerte sich die 40-jährige Erstangeklagte in ihrer Befragung. Laute Techno-Musik sei nachts noch aus der oberen Wohnung zu hören, keine Rücksicht werde auf ihre Familie genommen. "Sie verkaufen auch Drogen", erklärte die Frau.

"Ich bin ein bisschen zu laut, ich habe Schlafstörungen", gestand die Zweitangeklagte. Zwar rauche sie Cannabis, Drogen verkaufe sie aber nicht: "Die Polizei hat bei den Hausdurchsuchungen bei mir nie etwas gefunden."

Die junge Frau besitzt auch einen Pitbull. Ob sie den vorgeschriebenen Hundeführschein für den Hund gemacht habe?, wollte Hautz wissen. "Ich habe ihn nicht, bin aber auf dem Weg dorthin", so die Frau. "Wie auf dem Weg? Gedanklich?", fragte der Richter. Eine Antwort erhielt er nicht.

Jedenfalls waren die zwei Frauen mit dem Pitbull - er trug keinen Beißkorb - unterwegs, als sie am 10. September 2018 die 40-jährige Nachbarin in der Wohnhausanlage trafen. Was sich dann aber abspielte, darüber gibt es unterschiedliche Versionen.

Man sei mit den Hunden an der Nachbarin vorbeigegangen: "Da hat sie begonnen, unsere Mütter zu beleidigen, wir haben irgendwas zurückgelabert", schildert die Zweitangeklagte. Die 40-Jährige habe daraufhin ihre Zigarette am Dekolleté der Drittangeklagten ausgedämpft und sei tretend und beißend auf sie losgegangen. Im Zuge der Attacke habe sie den Pitbull losgelassen, damit dieser sie verteidigt. Das Tier fügte der Erstangeklagten laut Anklage eine Bisswunde zu.

Eine andere Darstellung liefert die 40-Jährige: Die zwei Frauen seien auf sie losgegangen. "Sie haben zu mir gesagt: ‚Was schaust so deppat?‘" Es sei zu einem Wortgefecht gekommen, "dann haben sie den Hund auf mich gehetzt", sagt sie. Der Hund und eine der Damen seien im Zuge der Rangelei auf ihr gelegen. In Notwehr habe sie "getreten, gebissen, was halt gegangen ist", so die Erstangeklagte.

So wie die anderen Frauen ist sie wegen Körperverletzungen angeklagt, zusätzlich aber auch wegen der "vorsätzlichen Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten". Die 40-Jährige war früher nämlich drogensüchtig und hat sich mit Hepatitis C infiziert. Angesteckt wurde bei den Bissen zwar niemand, bei diesem Delikt reicht aber alleine die abstrakte Gefährdung der Ansteckung für die Strafbarkeit aus.

"Traurig, traurig, traurig"
Richter Hautz vertagte die Entscheidung auf unbestimmte Zeit. Angeblich soll es Zeugen des Vorfalls geben, diese sollen nun ausgeforscht werden.

Aus war die Verhandlung damit aber noch nicht. Was man denn künftig machen solle, wenn die jungen Frauen wieder so laut seien, erkundigte sich der Mann der 40-Jährigen, der den Prozess von der Zuschauerbank aus verfolgt hatte. "Sichern Sie die Beweise, nehmen Sie es mit dem Handy auf", riet ihm der Richter. Zufrieden war der Mann mit dieser Auskunft nicht. "Traurig, traurig, traurig", sagte er, kopfschüttelnd den Saal verlassend.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-29 16:55:32
Letzte Änderung am 2018-11-29 17:03:50


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