Obama spricht in seiner ersten Rede als Präsident zu einem erwartungsvollen, aber auch verängstigten Land. "Immer wieder gibt es Momente, in denen dieser Amtseid inmitten aufziehender Wolken und tobender Stürme abgelegt wird", hebt er an. Das Land sei "mitten in der Krise", fährt er fort. "In unserem Land gibt es einen Verlust an Vertrauen, die verzehrende Angst, dass Amerikas Abstieg unaufhaltsam ist." Es sind ernste Worte, die Obama wählt. Das Ausmaß der Aufgaben vor ihm lasse ihn "demütig" werden, gibt er zu.

Der neue Präsident spricht über die Sorgen der Bürger angesichts der bedrohlichen Wirtschaftskrise, er mahnt zur Geduld und prophezeit, dass er nicht alle Erwartungen wird erfüllen können. Dies ist aber nur der eine Pol seiner Rede. Auf der anderen Seite entwirft Obama die Zukunftsvision eines neuerlich prosperierenden Amerika, das sich seiner Stärken besinnt und sich aus eigener Kraft aus den Fesseln von Rezession und Mutlosigkeit befreit.

Hoffnung in Zeiten der Krise, nationale Einheit nach Jahren des politischen Zwists: Dies ist Obamas Botschaft, dafür wurde er im November gewählt. "An diesem Tag sind wir hier, weil wir Hoffnung über Furcht gewählt haben" ruft Obama. Jubel aus Millionen Kehlen brandet ihm entgegen. Obama beschwört ein "Ende der kleinlichen Streitereien und abgenutzten Dogmen" und richtet einen Appell an die Amerikaner: "Von heute an müssen wir uns aufrichten, den Staub abklopfen und die Arbeit an der Erneuerung Amerikas beginnen."

Die Menschen im Publikum singen, lachen und weinen. Bereits vor Sonnenaufgang waren viele vors Kapitol geströmt, nie zuvor haben sich in Washington so viele Menschen versammelt. Sie trotzen eisigen Temperaturen. Was sie wärmt, sind Obamas Worte - und die Überzeugung, einem bedeutenden Moment in der amerikanischen Geschichte beizuwohnen. In der Menge steht auch der schwarze Hollywood-Star Denzel Washington. Er bringt die Stimmung auf den Punkt: "Ich bin glücklich, mir ist kalt, und ich feiere." Hunderttausende tun es ihm gleich.

In Washington erinnert auf Schritt und Tritt alles daran, warum dieses Ereignis historisch bedeutsam ist. Schwarze Sklaven haben das Weiße Haus gebaut, Sklaven haben die Bronzeskulptur an die Spitze der Kapitols-Kuppel gehievt. Applaus brandet auf, als Obama an seine afroamerikanische Herkunft erinnert: "Ein Mann, dessen Vater hier vor weniger als 60 Jahren nicht einmal in einem Lokal bedient worden wäre, kann nun vor Euch stehen und diesen heiligen Eid schwören."

Seinen eigenen Aufstieg präsentiert Obama als Nachweis für die Fähigkeit der USA zur Selbsterneuerung. Diese Erneuerung solle gerade auch das Verhältnis des Landes zur Außenwelt betreffen, verspricht Obama. "Amerika muss seine Rolle dabei spielen, eine neue Ära des Friedens einzuleiten", sagt er. Die USA würden "verantwortungsvoll" den Abzug aus dem Irak einleiten und das "Gespenst eines sich erwärmenden Planeten" zurückdrängen. Er werde die Sicherheit des Landes verteidigen, ohne dabei dessen Gesetze zu missachten.

Im Ton freundlich, doch in der Sache klar setzt sich Obama damit vom Erbe seines Vorgängers George W. Bush ab. Der Welt streckt Obama die Hand der Freundschaft entgegen: "Ihr sollt wissen, dass Amerika Freund jeder Nation und jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes ist, die eine Zukunft in Frieden und Wohlstand suchen, und wir sich bereit, wieder die Führung zu übernehmen."

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