Bei all dem Trubel um Obamas Wahl hat die internationale Presse fast völlig die Verlierer übersehen. Dabei könnten die bei den Republikanern ausgebrochenen Richtungskämpfe für die Zukunft der Vereinigten Staaten und somit der Welt entscheidend werden. Obwohl die USA immer noch ein Land der rechten Mitte sind, hat sich die politische Großwetterlage für die Grand Old Party (GOP), wie sich die Republikaner gerne selbst bezeichnen, dramatisch verschlechtert.

Seit der Ära Reagan beruhte die politische Stärke und Schlagkraft dieser Partei auf drei Säulen: auf einer mehrheitsfähigen Koalition bestimmter gesellschaftlicher Strömungen, einer an Fanatismus grenzenden hochmotivierten Basis (welche die ideologische Speerspitze bildete), und auf der intellektuellen Führerschaft in vielen politischen Themenbereichen. Diese Faktoren ermöglichten es der Rechten, die sich selbst eher als Bewegung denn als Partei versteht, relativ knappe Stimmenmehrheiten als politische Erdrutschsiege darzustellen. Wahlkampagnen arteten zum Vernichtungskrieg gegen den politischen Gegner aus, der Kulturkampf um God, Gays and Guns lenkte von wichtigen Sachthemen ab und diffamierte Mitbewerber. Selbst eigene Leute, die, wie John McCain im Wahlkampf 2000, aus der Reihe tanzten, wurden mit allen Mitteln fertig gemacht.

Bereits Nixon hatte ja erkannt, dass mit populistisch antielitären und nationalistischen Botschaften die Ressentiments der weniger gebildeten weißen Wähler im Hinterland verstärkt werden konnten, um diese zu bewegen, ihre demokratische Stammheimat zu verlassen. Bevor diese Bürger zur GOP überliefen, hatten die Republikaner eher als Partei des Finanzkapitals und des Ostküstenestablishments gegolten. Erst die Verbindung von Wallstreet und klein-städtischer Gesinnung, welche unter Reagan perfektioniert wurde, transformierte die GOP in eine Partei permanenter Mehrheiten. Selbst die Wahl Clintons - aus konservativer Sicht eher ein wahlstrategischer Betriebsunfall als eine politische Trendwende - änderte an der republikanischen Vorherrschaft wenig.

Die Macht der Republikaner basierte jedoch nicht nur auf "dirty tricks", sondern auch auf Themenführerschaft und geschicktem politischen Marketing. Neugegründete Think tanks lieferten zeitgemäße Antworten auf neue gesellschaftliche Probleme, wohingegen die Liberalen reflexartig im Denken der sechziger Jahre verhaftet blieben, um Erreichtes zu bewahren. Die Idee von "weniger Government" und mehr privater Eigeninitiative erwies sich als populär, und die eindrucksvollen Erfolge auf wirtschaftlichem, technologischem und außenpolitischem Gebiet, welche die USA zwischen 1980 und 2000 erzielen konnten, schienen den Republikanern Recht zu geben.

Heute ist dies alles aber Schnee von gestern, und die Partei steht nun vor den Trümmern ihrer einst so erfolgreichen Politik. In den fetten Jahren satter Mehrheiten haben es die Republikaner verabsäumt, neue Perspektiven zu entwickeln, und sich stattdessen auf ihre gut geölte Wahlmaschinerie und den gekonnten Griff in die Trickkiste verlassen. Das Schüren von Emotionen, etwa die Angst vor den Feinden Amerikas, funktioniert unter den existenzbedrohenden ökonomischen Umständen einfach nicht mehr. Es fehlen sachpolitische Antworten auf aktuelle Probleme in der Gesundheits-, Umwelt- und Energiepolitik. Populistische Macho-Botschaften wie "drill Baby drill" (nämlich nach Öl) wirken lächerlich in Zeiten einer gewaltigen Wirtschaftskrise.

Filz und Lobbyismus

Vom republikanischen Anspruch, die Pfründewirtschaft Washingtons nachhaltig zu verändern und die Staatsausgaben zu senken, ist auf Grund politischer Skandale und explodierender Budgetdefizite nichts übrig geblieben. Kaum je zuvor hatte es eine so enge Verfilzung von Lobbyisten, Privatfirmen und Politikern gegeben. Allein im Irakkrieg flossen viele Milliarden Dollar ohne Ausschreibung an Firmen im Nahbereich konservativer Politiker. Reihenweise wechselten Industrievertreter in jene Behörden, die die Aufgabe hatten, genau diese Industriebetriebe zu kontrollieren, und vernachlässigten ihre Aufsichtspflichten.

Selbst wissenschaftliche Institute bekamen den Zorn konservativer Politiker zu spüren, wenn ihre Forschungsergebnisse den herrschenden ideologischen Präferenzen widersprachen. Unbequeme empirische Tatsachen wurden ignoriert, es zählte nur der politische spin . Berufliche Beförderungen und Ernennungen, streng nach ideologischen Kriterien, führten zu einer geballten Inkompetenz in zahlreichen Regierungsstellen, was vor allem beim Krisenmanagement im Irakkrieg und nach der Überflutungskatastrophe in New Orleans offenkundig wurde. Die durch unzulängliche Aufsicht mitverursachte Finanz- und Hypothekenkrise tat ein Übriges, um den Vertretern eines ungezügelten Marktes den Wind aus den politischen Segeln zu nehmen.

Beim Versuch einer Richtungsänderung mussten die republikanischen Strategen dann feststellen, dass man die einst gerufenen Geister, nämlich den mobilisierungsfähigen weißen Mittelstand im kleinstädtisch-ländlichen Milieu, nicht mehr loswurde. Diese religiös-nationalistischen angry white men , die sich als die wahren Amerikaner empfinden, schufen stets die Basis der Wahlerfolge. Die republikanische Partei geriet zunehmend in eine Abhängigkeit vom Hinterland. Durch bevorzugte Behandlung dieser Basis vergraulte man jedoch andere Gruppen, vor allem die breite Schicht der moderaten Wechselwähler.

Die wohlhabenden Küstengebiete, die städtischen Zentren, die Universitäten und modernen Industrien, die Wählerinnen, die rasch anwachsenden Minderheiten und vor allem die vom Kulturkampf der Sixties unberührten Jungwähler wurden von den Republikaner links liegen gelassen, was sich 2008 bitter rächen sollte. Vor zwanzig Jahren war es noch cool , konservativ zu sein, und zog die Jungen an. Heute kommen innovative Ideen, neue Kommunikationsmedien, zukunftsträchtige Trends und Geldmittel jedoch genau aus jenen Gebieten der USA, die von konservativen Wahlkämpfern als gottlos, elitär oder unamerikanisch diffamiert wurden.

Die Republikaner mutierten zur Partei der anti-intellektuellen, weißen Provinz, für welche die Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin zur neuen Identifikationsfigur wurde. Je stärker die Gouverneurin von Alaska aber die eigene Basis begeisterte, desto eiliger flüchteten alle anderen zu Obama und den Demokraten.

Die Konservativen sitzen heute in einer politischen Falle: Ohne ihre Fundi-Basis samt ideologischer Infrastruktur inklusive rechten Predigern und Talk-Radio haben sie nicht genug Stammwähler; andererseits war eben diese Basis eine Hauptursache für die Wahlniederlage. Darin liegt für Obama die Chance, eine mehrheitsfähige Koalition moderater, moderner und zukunftsorientierter Kräfte zu bilden.

Reinhard Heinisch, geboren 1963 in Klagenfurt, ist Professor für Politische Wissenschaften an der University of Pittsburgh.