Durch die "Windy City", wie Chicago genannt wird, weht auch heute noch der Geist Al Capones. In den letzten 35 Jahren wurden Medienrecherchen zufolge etwa 80 gewählte Funktionäre der Stadt, der Gemeinde oder des Bundesstaates verurteilt. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um Betrugs- und Korruptionsdelikte. Einem Bürgermeister, zwei Kongressabgeordneten und rund 30 Stadträten wurde der Prozess gemacht. Die politische Kriminalität in der ebenso schönen wie gefährlichen Stadt hat dermaßen überhand genommen, dass die "Chicago Sun-Times" Ende 1991 auf ihrer Titelseite sogar die Tatsache feierte, dass in diesem Jahr kein Stadtrat angeklagt oder verurteilt worden sei.

Bis in die höchsten Ämter reichen die Fänge der Korruption: Auch vier Gouverneure des Bundesstaates Illinois, dessen größte Stadt Chicago ist, haben sich in den letzten Jahren auf der Anklagebank wiedergefunden. Der letzte aufsehenerregende Fall drehte sich erst vor wenigen Wochen um Rod Blagojevich. Dem 52-jährigen Gouverneur wurde unter anderem vorgeworfen, er habe den freiwerdenden Senatssitz Obamas meistbietend verkaufen wollen. Die US-Bundespolizei FBI hatte eindeutige Telefongespräche des Gouverneurs abgehört und sieht seine Schuld daher als erwiesen an.

Wer mitspielen will, muss zahlen

Insider wundert die Aktion freilich wenig. Für Chicago gilt bis heute das Prinzip des "pay to play": Wer politisch mitspielen möchte, der muss zahlen. Blagojevich sei lediglich so blöd gewesen, sich bei dieser Praxis abhören beziehungsweise erwischen zu lassen.

Beobachter der Chicagoer Polit-Szene meinen, dass es verdammt hart für Obama gewesen sein muss, in diesem Milieu so weit zu kommen, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen. Umsomehr, als zu seinem Umfeld fast schon zwangsläufig zwielichtige Gestalten gehören.

Einer von ihnen ist der syrisch-stämmige Immobilienhai Antoin "Tony" Rezko. Der Multimillionär wurde vergangenes Frühjahr wegen Korruption verurteilt und sitzt seither in Haft. Als Freund Obamas hatte er noch die Jahre zuvor dessen Wahlkämpfe mitfinanziert und dem damaligen Senator über einen Winkelzug im Jahr 2005 ermöglicht, ein Familienanwesen um - im Verhältnis zum Wert günstige - 1,65 Millionen Dollar zu erwerben.

Rezko war aber auch ein Freund von Blagojevich. Der Immobilienmogul soll dem serbischstämmigen Gouverneur regelmäßig Personen für wichtige Ämter in der Administration von Illinois empfohlen haben, behauptet zumindest die Staatsanwaltschaft. Zum Zug kamen dabei stets Menschen, die dem 52-Jährigen finanziell oder anderweitig behilflich waren. Zu den Unterstützern Blagojevichs gehörte auch Obama, schließlich empfahl er ihn sowohl 2002 als auch 2006 für die Wahl zum Gouverneur von Illinois.

Valerie Jarrett, die scherzhaft oft "Obamas zweite Hirnhälfte" oder auch "First Friend" genannt wird, weist ebenfalls eine Verbindung zu Tony Rezko auf. Laut der Stiftung zur Überwachung von Rechtsstaatlichkeit, Judicial Watch, war Jarrett lange als Vorstandsmitglied mehrerer Organisationen tätig, die sich um Finanzierung und Hilfe für Chicagoer Wohnprojekte kümmerten. Betrieben wurden diese von Rezko und von Allison Davis, einem Juristen und Grundstücksentwickler, der 2003 von Blagojevich ins Illinois State Board of Investment berufen wurde. Jarrett war lange als Nachfolgerin Obamas im US-Senat im Gespräch. Kurz vor dem Blagojevich-Skandal stand jedoch bereits fest, dass sie in Washington für Obama eine Position als Top-Beraterin übernehmen würde.

Axelrod, Mastermind hinter Obama

Ein Freund, der Obama ebenfalls ins Weiße Haus begleiten wird, ist David Axelrod. Er gilt als Mastermind von Obamas politischem Erfolg und soll ihn in harten Praktiken unterstützt haben - denn auch Obama weiß mit harten Bandagen zu kämpfen.

Dies zeigte sich 1996 bei seiner Bewerbung um einen Sitz im Senat von Illinois. Amtsinhaberin Alice Palmer wollte - da auf einen anderen Posten spekulierend - nicht mehr kandidieren. Nachdem sie sich allerdings kurzfristig umentschied, gelang es Obama, sie auszustechen, weil er seiner Konkurrentin nachwies, dass sie bei der Sammlung der erforderlichen Unterschriften für die Kandidatur geschummelt hatte. Obama blieb als einziger Kandidat der Demokraten über, in dem stets demokratisch wählenden Wahlkreis.

2004 setzte sich Obama bei der Wahl zum US-Senator durch, weil sich die Favoriten in der Vorausscheidung der Demokraten, Dan Hynes und Blair Hull, gegenseitig das Leben schwer machten. Obama griff als lachender Dritter in das Geschehen ein, natürlich mit tatkräftiger Hilfe seines Wahlkampfmanagers Axelrod. Durch einen Zeitungsbericht in der "Chicago Tribune" wurden pikante Details aus Hulls Scheidung bekannt, denen zufolge er seine Ex-Frau missbraucht hat. Wie zu erwarten sanken daraufhin Hulls Popularitätswerte. Die entsprechenden Dokumente sollen der Zeitung von der Wahlkampfmaschine Obamas zugespielt worden sein.

Auch in der Hauptwahl profitierte er von privaten Skandalen seines republikanischen Gegners Jack Ryan. Wieder war es die "Chicago Tribune", welche die Veröffentlichung der schmutzigen Details von Ryans Scheidung erreichte. David Axelrod hatte bei dieser Zeitung übrigens jahrelang eine feste Anstellung als Redakteur gehabt.