Und sogar bei den Irak-Plänen, Obamas außenpolitischem Paradepferd im Wahlkampf, sehen Anhänger zu ihrem Leidwesen mehr Flexibilität, seit der Senator damit angefangen hat, in Schlüsselstaaten um moderate und unabhängige Wähler zu werben. Nachdem Obama angedeutet hatte, dass er den im Fall seines Wahlsieges versprochenen Truppenabzug binnen 16 Monaten möglicherweise etwas verlangsamen müsse, waren viele seiner Anhänger schlicht entsetzt und die Republikaner beglückt. Obama berief hastig eine Pressekonferenz ein, um zu versichern: "Es hat sich nicht geändert."

Nur kurz davor hatte eine Gruppe von mehr als 16.000 Unterstützern auf Obamas eigener Webseite Unmut darüber geäußert, dass ihr Kandidat ein Kompromiss-Abhörgesetz billigt, das einst an illegalen Schnüffelaktionen beteiligten Telefongesellschaft Immunität einräumt. Eine solche Garantie hatte Obama vordem abgelehnt. Dass er applaudierte, als das Oberste Gericht kürzlich den US-Bürgern ein Recht auf Waffenbesitz bescheinigte, dass er die Absage an die Todesstrafe für Kinderschänder kritisierte, kam bei vielen Anhänger ebenfalls nicht gut an. Die erste kalte Dusche für die Fans nach all dem Schwärmen und Schwelgen im Vorwahlsieg war die Kehrtwende des Senators bei der Wahlkampf-Finanzierung gewesen: Entgegen früheren Erklärungen will Obama sich ganz auf den - für ihn weitaus lukrativeren - privaten Spendenfluss stützen statt auf öffentliche Gelder, was die Wahlkampfausgaben drastisch begrenzt hätte.

Bisher sind es zumeist noch leise Zweifel in Obamas Gefolgschaft, ist noch keine Welle der Enttäuschung - aber es könnte eine werden, räumen auch demokratische Wahlkampfberater ein. "Vielleicht ist er am Ende doch nur ein Politiker wie jeder andere", geht es Anhängerin Janet Binder in Washington durch den Kopf. Auch in ihrem bisher von "Obamania" beherrschten Freundeskreis hat die 33-Jährige einen Anflug von Ernüchterung registriert: "Aber natürlich hoffen wir, dass wir uns irren."

Das republikanische Lager wittert in jedem Fall Morgenluft. Obama als Flip-Flopper - ein idealer Wahlkampfslogan für John McCain, der bereits jetzt bei jeder Gelegenheit auf diesem Thema herumreitet und alles tun dürfte, damit der Vorwurf auch haften bleibt. Politischer Opportunismus, eine Wischi-Waschi-Politik, waren vor vier Jahren auch dem Demokraten John Kerry angelastet worden. Er verlor.

Wehrt sich Obama auch vehement gegen jeden Umfaller-Vorwurf, sind sich die US-Medien darin einig: Der Senator ist seit seinem Vorwahlsieg in Richtung Mitte gerückt, "sein Ton hat sich verschoben", wie die "Washington Post" es formuliert.

Wahlkampfexperten weisen zwar darauf hin, dass sich Kandidaten üblicherweise mäßigten, wenn der Vorwahlkampf zu Ende und die Basis zufriedengestellt sei. Danach gehe es darum, die Anziehungskraft auf andere Wählerschichten auszuweiten, "und das erfordert ein Abschleifen extremer Positionen", meint zum Beispiel der CNN-Experte Bill Schneider. Aber dieselben Experten sind auch überzeugt davon, dass im Fall Obamas andere Standards gelten, "weil er selbst so stark betont, dass er anders ist", wie Schneider sagt. "Was sonst als Pragmatismus akzeptiert wird, wird bei ihm nicht so leicht."

Tatsächlich hat die Basisbewegung Move.Org mittlerweile ihre Mitglieder aufgerufen, Druck auf Obama auszuüben, "damit er sein Wort hält". US-Medien sprechen von einem Drahtseilakt für Obama, einer Gratwanderung zwischen dem Wunsch, gemäßigte Kreise für sich zu gewinnen und dem Risiko, Teile der eigenen Anhängerschaft zu verprellen. Aber vielleicht ist das Risiko auch begrenzt. "Lass uns doch ehrlich sein. Es ist entweder Obama oder McCain", schreibt Blogger Marcus Bright. "Uns bleibt wirklich keine Wahl."