Zeit spielt im Rothwald keine Rolle, weder beim Wachsen, noch beim Sterben oder beim Verfaulen und Vermodern. Anhand von Bodenanalysen durch Pollen weiß man, dass dieser Teil des Rothwalds rund 6.000 Jahre alt ist und von menschlicher Einwirkung verschont blieb. Damit das auch so bleibt, ist das Betreten des Urwalds strengstens verboten. Der genaue Standort wird deshalb von der Verwaltung des Schutzgebiets nicht bekannt gegeben. Verbotsschilder und Zäune gibt es aber keine. "Wildnis kann man nicht einzäunen", sagt Ranger Hans Zehetner, der für die Verwaltung des Schutzgebietes arbeitet. Hin und wieder verirren sich Wanderer in das Gebiet. An die 30 werden jährlich von den Mitarbeitern des Schutzgebietes im Urwald ertappt, einige laufen in die Fotofallen, so manche haben sich verirrt und sind froh, dass ihnen jemand wieder den Weg hinaus zeigt. Aber so einfach verirrt man sich ohnehin nicht dorthin, man müsste schon eine stundenlange Wanderung durch ein Gebiet auf sich nehmen, das sich weder durch Markierungen noch durch Karten erschließen lässt.

Dass der Urwald überhaupt bestehen blieb ist auf verschiedene Umstände zurückzuführen.

- © J. Kerviel
© J. Kerviel

Streit unter Glaubensbrüdern

Die ersten schriftlichen Quellen über den Rothwald findet man ab 1330, als Herzog Albrecht II den Kartäusermönchen mehr als 30.000 Hektar Wald in den heutigen Gemeindegebieten von Gaming, Scheibbs und Lunz am See übertrug. Damals gab es noch 2.700 Hektar Urwald. 450 Jahre lang verwalteten die Glaubensbrüder das Gebiet, sie betrieben vor allem Holzwirtschaft für Brennholz und für Holzkohle für die Eisenerzindustrie. Dass der Urwald während dieser Zeit um nur 530 Hektar auf 2.170 Hektar schrumpfte, ist zum einen auf die Topografie zurückzuführen: Der Urwald liegt in einem schwer zugänglichen Kessel und seine Bäche führen in der Regel zu wenig Wasser um Baumstämme damit zu transportieren. Zum anderen schützte ein Jahrhunderte lang währender Streit mit dem steirischen Stift Admont um Wassernutzungsrechte den Urwald. Er verhinderte den Transport von Holz über Klausen durch das Gebiet der Steirer.

Josef II beendete den Streit. 1782 enteignete er den kontemplativen Kartäuserorden und stellte den Wald in staatliche Verwaltung. Als er 1825 privatisiert wurde, waren noch 1.520 Hektar Urwald über. Unter dem neuen Inhaber Graf Albert Festetics de Tolna schrumpfte er allerdings gewaltig: innerhalb von 44 Jahren um mehr als die Hälfte. Die intensive Rodung setzte sich nach dem Tod des Eigentümers fort, der Besitz ging 1869 an die Aktiengesellschaft für Forstindustrie: Sie ließ 420 Hektar stehen. Sechs Jahre später folgte der Bankrott, die Besitzungen kaufte einer der Aktionäre der Forstindustrie-AG, der Bankier Albert Rothschild.

Larve eines Borkenkäfers. Sie schmeckt angeblich nach Retsina. - © J. Kerviel
Larve eines Borkenkäfers. Sie schmeckt angeblich nach Retsina. - © J. Kerviel

"Leichenhof"

Der Naturromantiker und Jäger Rothschild verfügte, die Urwaldreste sich selbst zu überlassen. Doch die Konservierung trug ihm Häme und Unverständnis ein. Naturwälder galten als unzivilisiert, als Sinnbild für ungezügelte Natur. So schrieb damals dazu ein Forstfachmann, es herrsche im Urwald Rothwald "… Leichenhof, gebrochene Kraft und Modergeruch, Verkommenheit" vor, " wie überall dort, wo die ordnende Hand des Menschen nicht hinkommt".

1938 "arisierten" die Nationalsozialisten Rothschilds Besitz, 1942 stellten sie den Urwald unter Naturschutz. Nach 1945 erhielt die Familie Rothschild ihren Waldbesitz zurück, einen Teil davon kauften die Bundesforste. Der Schutz des Urwaldes blieb aufrecht, 1997 wurde er offiziell und dauerhaft von jeglicher Nutzung ausgenommen. "Und so lange wir ein Rechtsstaat sind", sagt Ranger Zehetner, "wird das auch so bleiben!"