Mythomane

In der Folge allerdings wandelte er sich vom Sympathisanten zum entschiedenen Gegner jener - von ihm mittlerweile als solche erkannten - verbrecherischen Bewegung, wie etliche seiner Schriften, etwa der Roman "Auf den Marmorklippen", sowie seine Nähe zu Widerstandskreisen, belegen. Den verstörenden Erfahrungen, die er im "Dritten Reich" machen musste, ist auch der bedeutende Essay "Der Waldgang" zu verdanken.

In diesem erweist sich, was Jünger vor allem ist: ein Mythomane. Dem Glauben an eine allem Lebendigen zugrunde liegende, sich immer neu erzeugende mythische Kraft gibt er in dieser Schrift am deutlichsten Ausdruck, wo er den widerständigen, verborgen "heroischen" Einzelnen wiederholt gegen den "Großen Leviathan" (Thomas Hobbes), den alles verschlingenden Staat, positioniert. Er tut dies mit geradezu beschwörender Intensität, indem er den "Wald" als den Ort bezeichnet, der "alles, was uns mit zeitlicher Sorge bindet", zu lösen imstande ist, indem er, quer durch die Zeiten, alles heraufruft, was je Geschichte, Sage und Mythologie mit den Wäldern identifizierten.

Um dann auf sein eigentlichstes Anliegen zu kommen, nämlich, dass diese Kräfte eben nicht nur "in fernen Räumen und Vorzeiten zuhause sind, sondern vielmehr in jedem Einzelnen verborgen", und "ihm in Schlüsseln überliefert, damit er sich begreife in seiner tiefsten und überindividuellen Macht".

Jüngers Haltung ist von manchen als ein Sich-Zurückziehen in den Elfenbeinturm missverstanden worden, als eine "Absage ans Kollektiv", ohne das man letztlich nicht leben könne. Bei diesem (inneren) Rückzug handelt es sich jedoch vielmehr um ein Kräftesammeln, ein Innewerden, eine Klärung der eigenen Position, von der aus man dem Leviathan zumindest der Möglichkeit nach neu gestärkt gegenübertreten kann.

Mit seiner unzeitgemäßen Betonung des "heldischen" Einzelnen hat Jüngers Werk in seiner elitären Abgehobenheit gerade bei der Linken immer wieder für Irritation bis hin zu blankem Hass gesorgt, aber vielleicht wäre es in einer Zeit des Konformismus, in der abweichende Meinungen sofort diffamiert werden und das Individuum nicht mehr und nichts anderes als ein Produkt des Markenkonsums ist, eine tatsächliche "Bereicherung", sich auch mit einer so extrem anders gearteten Position auseinanderzusetzen.

Einzelkämpfer

Auch Thoreau wurde schon zu Lebzeiten mit Kritik konfrontiert. Stevenson nannte ihn aufgrund seiner Zivilisationsflucht einen Drückeberger, andere Zeitgenossen äußerten Zweifel, ob eine Gesellschaft Bestand haben könne, wenn alle sich so verhielten wie er. Es lag allerdings nicht unbedingt in seiner Absicht, seine Lebensweise zu einer allgemein verbindlichen Forderung zu erheben. Gerade die Zeit am Waldensee war für Thoreau eben jenes Innehalten, Sich-Besinnen, ein Selbstversuch, den er zu gegebener Zeit ja dann auch abbrach.

Sowohl Thoreau als auch Jünger waren widerständige Einzelkämpfer, so sehr sie im persönlichen und weltanschaulichen Bereich auch Antipoden gewesen sein mögen. Was den "Mythos Wald" anlangt, so haben sie beide ihre ureigenen Facetten jenem wahrscheinlich unsterblichen Topos abgewinnen können und ihm weitere Bedeutungen hinzugefügt. Und vielleicht haben uns solche extremen Individualisten auch und gerade heute noch etwas zu sagen, in einer Zeit, die ihr höchstes Ideal in einer falsch verstandenen Gleichheit aller Menschen sieht und vor nichts mehr Angst hat als vor dem Ungewöhnlichen, im geistigen Sinn Radikalen, Überdurchschnittlichen, Über-Normalen, vor dem geistigen Abenteuer, dem gefahrvollen, gewagten - auch bis hin zum abgründigen - Denken mit offenem Ergebnis.