In meiner Kindheit war die Pappel in unserem Dorf das größte mir bekannte Lebewesen. Ich konnte mir nur schwer etwas Gigantischeres vorstellen. Im kindlichen Wissensdrang war sie meine Vergleichsgröße für alles, was groß war. Für den Blauwal. Für das Mamut. Für den Stegosaurus. In meiner Erinnerung steht die Pappel für meine Kindheit. Kaum ein anderes Bild kann einen so starken Sog von Gefühlen entwickeln, wie das der Pappel vor dem Bauernhof meiner Großeltern. Sie ist mit so vielen Erinnerungen verbunden. In der Dämmerung jagte mir das Säuseln ihrer Blätter Angst ein. Fuhr ein Windstoß durch ihr Blattwerk, wenn ich im Herbst an ihr vorbeiging, begann ich zu laufen. Ich spüre den Schweiß der Sommer von damals von meiner Stirn tropfen, wenn ich an sie denke. Ich weiß noch genau wie der Holundersaft schmeckte, den ich nach dem Fußballspielen unter ihr trank. Ich kann dieses fantastische Gefühl erahnen, in der Dämmerung auf der Wiese unter ihr zu sitzen und zu wissen, morgen nicht in die Schule gehen zu müssen. Dieser Leichtigkeit, die nur Kinder in den Sommerferien verspüren, bin ich dann am nächsten, wenn ich an die Pappel denke.

Die Pappel steht aber auch für meinen Großvater. Oft stelle ich mir vor, wie er sie als junger Mann pflanzte. Ich denke darüber nach, ob er damals erahnen konnte, was ihre Existenz an genau diesem Ort 40 Jahre später für den Sohn seiner ungeborenen Tochter bedeuten würde. Wusste er, was ein Baum für Menschen sein kann, was er hier für seine Kinder, Enkel, die Dorfbewohner schuf?

Mein Großvater starb Anfang der 1990er-Jahre völlig unerwartet bei der Waldarbeit an Herzversagen. Die Pappel überlebte ihn wenige Jahre. Im Laufe ihres Lebens hatten sie viele Blitze getroffen. Sie zog sie an. Ihre Größe war ihr Verhängnis. Ein letzter Blitz spaltete ihren so unverwüstlichen Stamm. Große Teile ihre Krone wurden morsch. Mein Onkel musste die Pappel schließlich fällen. Als mir meine Mutter am Telefon davon erzählte, hatte ich Tränen in den Augen.