Kaiser Julian verwendete die Sonne als Symbol seiner Theologie. Es handelt sich dabei aber nicht um einen simplen Sonnenkult, sondern vielmehr um ein philosophisches System, das sich der Tatsache bewusst ist, dass Menschen mit abstrakten Begriffen und Vorstellungen wenig anzufangen vermögen. Gerade deshalb war für Kaiser Julian das Zentralgestirn ein geeignetes Symbol, um die theologische Vorstellung in Worte zu fassen, die jeder verstehen konnte. Aus dem römischen Polytheismus wird so ein dem Christentum ähnlicher, von einer philosophischen Theologie untermauerter Monotheismus.

"Das Licht der Welt"

Die Gefahr dieser kaiserlichen Initiative für das erstarkende und sich ausbreitende Christentum ist offensichtlich: Die römischen Kulte erhalten durch diese kaiserlichen Maßnahmen eine neue Attraktivität, und in dieser Situation geht, so scheint es, die Kirche einen Schritt weiter auf die Gesellschaft zu und nimmt ein von zahlreichen Forschern als zentral angesehenes Fest in das Kirchenjahr auf: Dem Fest des unbesiegten Sonnengottes, dessen Geburt nach herrschender Meinung am 25. Dezember im gesamten Römischen Reich gefeiert worden sein soll, entspricht, so scheint es, das Weihnachtsfest.

Die Heiden feierten angeblich die Geburt der unbesiegten Sonne am 25. Dezember - und die Christen begannen, an eben diesem Tag die Geburt dessen zu feiern, der im Johannesevangelium als "das Licht der Welt" bezeichnet wird (Joh. 8,12). Kultische Übernahme und gesellschaftliche Integration scheinen hier auf der Hand zu liegen.

Das Weihnachtsfest stellt auf jeden Fall einen klaren und offensichtlichen Bruch des Christentums mit seinen jüdischen Wurzeln dar. Die ältesten Feste des Christentums - Ostern und Pfingsten - sind noch heute allein dadurch als "jüdisch-christliche" Feste zu erkennen, dass sie keinen festen Platz im Kalender besitzen. Ihr Datum ist von der Sonne und von den Mondphasen beeinflusst. Im Gegensatz dazu ist der römische Kalender ein reiner Sonnenkalender, dessen Verlauf sich nach dem Sonnenjahr richtet.

Anderer Kalender

Die Monate dieses Kalenders sind - im Gegensatz zum jüdischen Kalender - von den Mondphasen unabhängig. Das christliche Osterfest fällt immer auf einen Sonntag, der Termin liegt zwischen Ende März und April. Weihnachtstag ist der 25. Dezember, dabei bleibt gleichgültig, ob es sich um einen Werktag oder einen Sonntag handelt. Der Wechsel in der Datumsberechnung ist so offensichtlich, dass bereits hier erste Zweifel laut werden müssen, ob man tatsächlich so leichtfertig und oberflächlich von einer "jüdisch-christlichen" Identität Europas sprechen kann, schließlich stellt diese christliche Datumswahl einen klaren Bruch mit den jüdischen Wurzeln dar. Dass das "jüdisch-christliche Europa" das Judentum über Jahrhunderte marginalisiert, ausgegrenzt und wiederholt blutig verfolgt hat, sollte ebenfalls nicht vergessen werden.

Die spannende Frage ist jedoch, ob nicht gerade durch den Bruch mit den eigenen jüdischen Wurzeln die Grundlage für eine scheinbar enorme Integrationsfähigkeit des Christentums gelegt wurde, die heute wieder von Politikern bemüht wird. Mit Weihnachten gelang, so scheint es, in der Mitte des vierten Jahrhunderts eine kultische und theologische Öffnung; Ende des vierten Jahrhunderts wurde das Christentum durch ein kaiserliches Gesetz zur exklusiven Religion des Römischen Reiches.