Das Christentum hat seine Ursprünge im Leben und Sterben des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth. Ostern als das zentrale christliche Fest, dessen Termin mit dem jüdischen Pesach-Fest verbunden ist, gedenkt des Todes und der von Christen geglaubten Auferstehung Jesu. Mit dem Weihnachtsfest erhält nun im vierten Jahrhundert ein Fest im kirchlichen Kalender einen Platz, das als merkwürdig bezeichnet werden kann: Man gedenkt der Geburt Jesu. Was die genauen Umstände seiner Geburt anlangt, sind die historischen Daten mehr als dürftig - um es vorsichtig zu formulieren. Sie reichen keinesfalls aus, um einen Geburtstag Jesu festlegen zu können.

Doch auch theologische Gründe scheinen gegen dieses Fest zu sprechen: In der Frühzeit des Christentums galt es als unschicklich, den eigenen Geburtstag zu feiern. Geburtstagsfeiern sind, so argumentiert zum Beispiel Origenes, einer der herausragenden Theologen des dritten Jahrhunderts, nichts für Christen. Das sehe man gerade an den biblischen Berichten: Anlässlich der Geburtstagsfeier des Königs Herodes tanzte die Tochter seines Bruders Philippus für ihn. Als Auszeichnung und Dank für ihren schönen Tanz stellt Herodes ihr einen Wunsch frei. Sie berät sich mit ihrer Mutter Herodias. Deren durchaus lockerer Lebenswandel war von Johannes dem Täufer scharf kritisiert worden, und so forderte sie den Kopf des Täufers (vgl. Mt 14,1-12). Musikalisch ist dieser biblische Bericht in der Oper "Salome" von Richard Strauss umgesetzt. Für Origenes ist der biblische Bericht ein Argument dafür, dass nur Sünder ihren Geburtstag feiern würden, für Christen schicke sich das nicht. Ein Jahrhundert später entsteht dann urplötzlich und wie aus dem Nichts das Geburtsfest Jesu. Es erobert, dies müssen auch die Prediger in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts zugestehen, rasant das Römische Reich, es scheint den Gläubigen als Fest zu gefallen. Die Sonnensymbolik, die ihren Niederschlag in den Predigten findet, ist fast schon aufdringlich. Jesus wird ausgehend von einem Wort im Propheten Maleachi (Mal 3,20) häufig als "Sonne der Gerechtigkeit" bezeichnet.

Integrativer Anspruch

Augustinus von Hippo, der Ende des vierten und in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts wirkte, weist seine Gläubigen darauf hin, dass man an diesem Tag gerade nicht die Geburt der natürlichen Sonne feiere, sondern die Geburt dessen, den das Johannesevangelium als das "Licht der Welt" bezeichnet. Hier scheint die Verbindung aus Heidentum und Christentum spürbar. Damit wäre gerade das Christentum als integrative Kraft eine wichtige Institution für ein friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Standes im Römischen Reich gewesen. Der Apostel Paulus beschreibt in seinem Brief an die Galater den integrativen Anspruch des Christentums so (Gal 3,28): "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus."

Hatte also der bayerische Ministerpräsident Söder Recht mit seinem Kreuzerlass? Taugt das Christentum als "gesellschaftlich-integrative" Kraft? Ist es deswegen auch richtig, Kreuze in öffentlichen Gebäuden aufzuhängen?