Nur wenig Belege

Eine der größten Gefahren der Geschichtswissenschaft ist, dass auf der Basis eines einseitigen Quellenstudiums Annahmen vertreten werden, die so nicht unbedingt mit der historischen Entwicklung übereinstimmen müssen. Dies trifft in besonderer Weise für Ereignisse zu, welche dazu beitragen, eine wie auch immer geartete Identität von Personen und Gruppen zu konstruieren. Das Weihnachtsfest scheint hierfür ein Paradebeispiel. Es gibt, um mit der behaupteten Parallele zum heidnischen Sonnwendfest zu beginnen, nur sehr wenig außerchristliche Belege für dieses Fest. Man hat das heidnische Fest und seine Bedeutung aus Weihnachtspredigten abgeleitet. Diese erwähnen jedoch ein derartiges Fest nicht, vielmehr reicht für viele Historiker die Rede von Christus als der "wahren Sonne", deren Geburt gefeiert wird, aus, um das Konstrukt eines reichsweit gefeierten römischen Sonnwendfestes im Winter zu begründen.

Da sich das Christentum im vierten Jahrhundert von einer verfolgten Minderheit zur beherrschenden Religion des Römischen Reiches wandelt, macht das auch durchaus auf den ersten Blick Sinn. Aus dem Blick gerät dabei allerdings, dass das Christentum sich eigentlich in dieser Zeit im Sinne einer Kontrastgesellschaft von heidnischen Feiern abgrenzte. Bezüglich des Neujahrsfestes forderte Augustinus, dass man an diesem Tag fasten sollte, weil eben an diesem Tag die Nichtchristen feiern. Integration sieht anders aus. Dies wirft die Frage auf, ob ein paralleles Fest tatsächlich den Anlass gegeben haben kann, dass Weihnachten eingeführt wurde.

Doch selbst wenn man die historische Entwicklung so deutet, wie dies oftmals geschieht, so muss man Folgendes festhalten: Die Integrationsleistung des Christentums im vierten Jahrhundert führte letztlich zur vollständigen Verdrängung der konkurrierenden römischen Kulte. Gegen Ende des vierten Jahrhunderts sind alle anderen Religionen marginalisiert und das Christentum dominiert das Römische Reich.

Über Jahrhunderte fristet das Judentum - in vielen Städten und Gebieten in Ghettos verbannt - ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Falls das Kreuz im öffentlichen Raum auf diese Form der Integrationsleistung eines christlichen Europas abzielen sollte, dann muss man fragen, welchen Raum Angehörige anderer Religionen noch in einem solchen Europa haben können.

Von Seiten der Vertreter der verschiedenen christlichen Konfessionen war es auffallend still, als Markus Söder das Kreuz im öffentlichen Raum forderte. Man muss die Frage aufwerfen, ob auch hier die symbolhafte Handlung des Kaisers Konstantin nachwirkt. Hofft man auf christlicher Seite, dass eine politische Unterstützung für das Christentum zur Stärkung desselben beitragen könnte?