Religiöse Neutralität

Wenn dies der Fall sein sollte, dann wird einer der wichtigsten Aspekte übersehen, der eindeutig zum Aufstieg des Christentums beigetragen hat: Die Hinwendung zahlreicher Menschen zum Christentum fand bereits statt, als es noch keine privilegierte Religion im Römischen Reich war.

Die Toleranz und die Förderung durch den römischen Kaiser haben sicherlich die Anziehungskraft des Christentums noch einmal verstärkt, es war jedoch keinesfalls die Ursache dafür, dass das Christentum Zulauf hatte. Auch war die antike Regierungsform der Verdrängung anderer Religionen durch das Christentum förderlich.

Ein Herrscher und ein Glaube passen zusammen. Deshalb passt das Kreuz in den öffentlichen Raum einer christlichen Monarchie, in einer pluralistischen Demokratie gehört es jedoch auf den Kirchturm.

Damit könnte das kirchliche Schweigen zur Vereinnahmung des Kreuzes vielleicht sogar problematischer sein, als dies von offizieller christlicher Seite für möglich gehalten wird. Es besteht durchaus die Gefahr, dass Menschen aus den Kirchen austreten, weil sie die Vereinnahmung der Christenheit als parteipolitische Agitation und billigen Wählerfang ablehnen. Um Menschen anderer Konfessionen oder Religionen und auch Menschen ohne ein religiöses Bekenntnis eine Heimat zu bieten, müssen moderne Demokratien religiös neutral sein.

Umgekehrt besteht die Gefahr, dass Kirchen, die sich zu sehr einem politischen Spektrum annähern, nicht mehr allen Mitgliedern ohne Ansehen der politischen Orientierung als religiöse Heimat dienen können.

Ein Letztes sollte aber nicht vergessen werden: Für Augustinus und die anderen Prediger des vierten und fünften Jahrhunderts ist Weihnachten ein religiöses und ganz eindeutig christliches Fest.

Es scheint plausibel, dass die von der Geschichtswissenschaft angenommene erfolgreiche Verbindung von Weihnachtsfest und heidnischem Sonnwendfest mit dazu beigetragen hat, dass das religiöse Fest in dem globalen kommerziellen Ereignis mit Geschenken und Weihnachtsmärkten, weihnachtlichem Straßenschmuck und musikalischer Weihnachtsberieselung in den Konsumtempeln unterzugehen droht.

Kirchen, welche eine Deutung des Kreuzes als "Symbol kultureller Identität" unwidersprochen hinnehmen, fördern eine derartige Entwicklung, da sie einer religiösen Sinnentleerung christlicher Symbole und Feste zustimmen.