Das berühmteste Weihnachtslied der Gegenwart kommt als Notlösung in die Welt. Seine Urheber sind zwei soziale Aufsteiger, die von ihrem Geniestreich nie finanziell profitierten. Und seine Verbreitung bis in den letzten Winkel der Erde findet das Lied in einer Ära, als Radio und TV, Facebook und Twitter noch ferne Zukunft sind. Allein diese Aspekte tauchen "Stille Nacht", das am Weihnachtsabend 1818 in Oberndorf an der Salzach zum ersten Mal erklang, in eine märchenhafte Aura. Das Lied mit dem Text von Joseph Mohr (1792–1848) und der Melodie Franz Xaver Grubers (1787–1863) hält aber weitere Rekorde und Anekdoten bereit. Zum 200-Jahre-Jubiläum richtet das Land Salzburg den beiden Schöpfern eine große Hommage aus.

Arnsdorf: Zeitreise in das älteste Schulhaus Österreichs

Nirgendwo ist die Entstehungsgeschichte so präsent wie in der kleinen Ortschaft Arnsdorf im Salzburger Flachgau. Hier war Gruber als Lehrer tätig, im nahen Oberndorf besserte er als Organist sein Gehalt auf. Das 1771 eröffnete Schulgebäude ist heute die älteste Volksschule Österreichs, in der heute noch unterrichtet wird. Über eine Holztreppe geht es in das Stille-Nacht-Museum im ersten Stock. Kurz vor Weihnachten 1818 unterbreitet Hilfspfarrer Mohr seinem Freund eine Idee, wie man die Christmette in Oberndorf trotz kaputter Orgel ansprechend gestalten könnte. Er zieht einen Liedtext aus dem Ärmel, den er zwei Jahre zuvor verfasst hat, bittet Gruber um eine Melodie, die binnen weniger Stunden ihren Weg auf das Notenblatt findet. Grubers ehemalige Dienstwohnung präsentiert sich wie anno dazumal. Sogar die Krippe hat die Zeiten überdauert. Kustos Max Gurtner: "Damals hat sie der Gruber aufgestellt, heute mache ich es."

Der Zufall führt Regie

Am 24. Dezember feiert "Stille Nacht! Heilige Nacht!" seine Premiere in der Christmette. Mohr übernimmt den Tenor-Part und die Begleitung mit der Gitarre, Gruber singt den Bass. Doch schon ein Jahr später werden sich ihre Wege wieder trennen. Dass sie überhaupt zusammenkamen, ist einer der abenteuerlichsten Aspekte an der "Stille Nacht"-Saga. Gruber musste sich seine Karriere als Musiker und Lehrer gegen den Widerstand seines Vaters, eines Leinenwebers aus Hochburg im Innviertel, ertrotzen. Erst als der Elfjährige bei einem Gottesdienst einmal seinen erkrankten Lehrer an der Orgel vertrat, gab Gruber sen. seinen Segen zu einem Leben abseits des Webstuhls. Noch schlechtere Karten hatte Mohr. Er wurde als uneheliches Kind eines Deserteurs und einer Strickerin in Salzburg geboren. Doch ein Geistlicher nahm ihn unter seine Fittiche. Mohr erwies sich als talentierter Musiker, absolvierte das Gymnasium und empfing 1815 die Priesterweihe. Zwei Underdogs, zwei Förderer, zwei Mal erwies sich die Musik als Hebel zum gesellschaftlichen Aufstieg, nur für zwei Jahre kreuzten sich die Wege der beiden in Oberndorf – und heraus kam das größte "One Hit Wonder" aller Zeiten.