"Die Lust zu musizieren ist in jedem angelegt. Es ist etwas, das Menschen gerne tun", erklärt Heinz Ferlesch die ungebremste Nachfrage: "Manche kommen auch nur zum Zuhören. Es ist schon eine beeindruckende Urkraft, wenn 500 bis 600 Menschen miteinander singen."

Orte für eine gemeinsam gelebte Sehnsucht

Als ausschließlich christliche Veranstaltung versteht der Dirigent dieses Angebot nicht: "Es gibt in allen Menschen eine Sehnsucht nach den Inhalten, die zu Weihnachten verstärkt zu Tage kommen. Da wird die Geburt einer höheren Kraft gefeiert - dazu muss man nicht zwingend religiös sein. Und wir öffnen mit der Musik einen Raum, in dem diese Sehnsucht gelebt werden kann."

Von einer verschwindenden Kulturtechnik will Heinz Ferlesch in Zusammenhang mit dem mehrstimmigen Singen nichts sprechen: "Ganz im Gegenteil, das sängerische Niveau steigt. Es ist erstaunlich, welche Qualität da zustande kommt." Sei es als aktive Vorbereitung, als passive Einstimmung auf das bevorstehende Weihnachtsfest oder weil zuhause keine Sangespartner zur Verfügung stehen: Die Motivation der Menschen ist unterschiedlich, schildert der Dirigent seine Beobachtungen. "Es geht nicht um Leistung, sondern um ein gemeinschaftliches Erlebnis", sieht Ferlesch als einen Schlüssel für den Erfolg des Projektes.

Genau dieser viele Bereiche des Lebens durchdringende Leistungsgedanke spielt auch für Irene Egger, Geschäftsleiterin des Österreichischen Volksliedwerks, eine zentrale Rolle beim gemeinsamen Musizieren. Auch die vorweihnachtlichen Veranstaltungen ihrer Organisation erfreuen sich ungebrochener Nachfrage - sei es der winterliche Workshop kommende Woche in der Operngasse, das öffentliche gemeinsame Singen am Adventmarkt auf der Freyung diesen Samstag oder vergleichbare Angebote in den Bundesländern.

"Auch wenn man sonst davon ausgeht, dass privat weniger gesungen wird, Weihnachten bildet hier eine Ausnahme", erzählt Egger im Gespräch. Den Trend zum gemeinsamen Musizieren sieht sie als ungebrochen, beobachtet aber auch Veränderungen - vor allem durch die Digitalisierung. Zum einen hat sich das Rechercheverhalten geändert: "Was nicht im Internet zu finden ist, gibt es nicht, lautet der Tenor - ein Irrglaube, wie unser Notenarchiv immer wieder zeigt." Weiters beobachtet sie einen Trend hin zur Einstimmigkeit: "Das heutige Hörverhalten ist auf Perfektion ausgerichtet. Man hört ständig bis in jede Nuance ausbalancierte Musik. Die Hemmschwelle, selbst falsch zu singen, ist dadurch größer geworden. Viele Menschen trauen sich mehrstimmiges Singen nicht mehr zu. Wenn noch oder wieder mehrstimmig gesungen wird, dann sehr professionell einstudiert."

Workshops und öffentliche Singveranstaltungen sind für Irene Egger daher auch Orte, an dieser verloren gehenden Fehlerkultur einer Gesellschaft von Perfektionisten zu arbeitet: "Es geht darum, zuzulassen, im Privaten nicht immer perfekt sein zu müssen, sich zu erlauben, auch einmal etwas falsch zu machen."