Was spricht dagegen, am Maronti-Strand in Ischia zu liegen und das Märchen vom sehr reichen und sehr geizigen Herrn Scarpacifico zu lesen (sprich: vorzulesen, zu erzählen – versteht sich von selbst)? Und nichts, rein gar nichts widerspricht, wenn einer über die Hardangervidda wandert und im Rucksack, neben einer Flasche Wasser und dem in Norwegen unvermeidlichen Flatbrød mit Gjetost, die Märchensammlung von Asbjørnsen und Moe mit sich führt. Daraus lernt man wenigstens, was zu tun ist, wenn man einem Troll begegnet. 

Wobei: Wesentlich origineller wäre es, Italo Calvinos Sammlung italienischer Märchen auf der Hardangervidda zu lesen und die von Asbjørnsen und Moe am Maronti-Strand. Da hockt am Ende unter dem benachbarten Sonnenschirm ein Troll, oder man begegnet auf der Hardangervidda der Petrosinella, wie Rapunzel bei Giambattista Basile heißt.

Das wäre doch einmal eine Sommerlektüre!

Aber nein, merke: Wenn es schneit, ist Märchenzeit.
Zum Beispiel die Sache mit "Hänsel und Gretel", komponiert von Engelbert Humperdinck: Fantasiebegabt setzt die Wiener Staatsoper das Werk wenigstens erst am 27. Dezember an, wenn Weihnachten gerade vorbei ist. Normalerweise geistert die Brüder-Grimm-Oper ab Mitte Dezember durch die Opernhäuser des deutschsprachigen Raums.
Bloß: Warum?

Hexe und Lebkuchen

Hänsel und Gretel hat nichts mit Weihnachten zu tun. Es ist nicht weihnachtlich, wenn Eltern ihre Kinder aussetzen, und es ist nicht weihnachtlich, wenn Kinder eine Hexe verbrennen. Aber wenigstens eine Kinderoper ist es und passt als solche zum Fest der Kinder, als das Weihnachten mittlerweile ausgerufen wird, weil das Fest des Kindes zu religiös ist und zu wenig konsumorientiert obendrein – aber sogar das ist falsch, nämlich ebenso die Umdeutung von Weihnachten, wie "Hänsel und Gretel" als Kinderoper. Die süßen Kleinen hatte Humperdinck keineswegs im Sinn. Er dachte an wagnergeeichte Erwachsene. Bleibt, dass sich die Kinder, ehe sie die Hexe braten, am Lebkuchen überessen. Doch selbst das kann an jedem Tag des Jahres geschehen, dafür braucht es nicht Ochs und Esel im Stall, bloß guten Lebkuchen.

Andererseits mag das Märchenerzählen schon etwas mit dem Winter zu tun haben und auch mit Weihnachten, denn die stillste Zeit im Jahr war schließlich nicht immer so laut, dass "Jingle bells", "Last Christmas" und "Parapapampam" jedes gesprochene Wort übertönt haben.