Wer kann, ist weg. Ab in die Karibik. In der Badehose unter Palmen liegen, während sie sich daheim den Arsch abfrieren. Oder Thailand. Ein bisschen Sightseeing, Papaya-Salat essen, Singha-Bier süffeln, neiderregende Fotos verschicken. Hauptsache weg. Sogar die Studenten kehren zurück zur Mama. So viel kann die gar nicht nerven. Mit ihren Fragen. Mit ihren Keksen. Mit ihren gebügelten Unterhosen. Denn die Alternative ist fürchterlich: Weihnachten in Wien.

Nichts ist schlimmer als Weihnachten in Wien. Der Wiener weiß das. Er ergreift die Flucht. Die Touristen wissen es nicht. Sie fluten die Stadt. Man müsste es ihnen nur sagen. Macht der Wiener natürlich nicht. Blöd wäre er. Sollen sie ruhig kommen. Auf ihrem Christkindlmarkt Punsch saufen, bis es ihnen die Gehirnwindungen verklebt. Leid tun sie ihm sicher nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Außer vielleicht Herbert. Der muss über die Feiertage ins Büro. Oder Ursula. Bei der geht sich heuer ein Urlaub einfach nicht aus. Branko hat keine Verwandten am Land. Auch er sitzt in Wien fest. Es ist, wie es ist. Hoffnung gibt es keine. Was bleibt, ist Schadensbegrenzung. Es braucht einen Schlachtplan, um die Weihnachtshölle der Hauptstadt unbeschadet zu überstehen. Zuhause einsperren ist keine Option. Das macht nur noch depressiver. Mut zusammennehmen. Raus gehen. Angriff ist die beste Verteidigung. Attacke die Devise. Mit wehenden Fahnen in den Untergang.

Stille in der Lobau

Vor der Tür wird es vermutlich süßlich nach Leiche riechen. Das ist der Glühwein. Ab Mitte November senkt sich Alkohol-Dunst wie eine Glocke über die Stadt. Die biederste Hausfrau trinkt plötzlich am helllichten Tag Schnaps. Nase zu und vorbei an den Ständen. Weihnachts-, Christkindl- und sonstige Märkte großräumig umgehen. Gehen, weil es wenig bringt, auf Bim, Bus oder Bahn zu warten. Mit dem Schnee kommt auch der Fahrplan durcheinander. Also Nerven schonen und marschieren. Zum Wasser. Oder in den Wald. Das beruhigt.

In der Lobau ist der Schnee weiß. Das verdient, betont zu werden. - © donauauen.at/Kern
In der Lobau ist der Schnee weiß. Das verdient, betont zu werden. - © donauauen.at/Kern

In der Lobau gibt es beides. Und die Stieglitze, Finken, Drosseln, Meisen und Biber wissen nichts von Weihnachten. Mit Glück fliegt ein Kolkrabe vorbei. Eigentlich gibt es den in Wien nicht mehr. Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde er in Mitteleuropa fast ausgerottet. In der Lobau nisten noch einige wenige Brutpaare. Der 60 Zentimeter große Vogel ist eine Augenweide. Vom Scheitel bis zur Sohle schwarz, wie in Tinte getaucht. Ein echter Ausgleich zur bunt überfrachteten Weihnachtskitschwelt der Innenstadt. An der Dechantlacke vorbei tief in den Wald hinein. Wo sich Napoleon 1809 in der Schlacht bei Aspern mit den österreichischen Truppen schlug, herrscht heute friedliche Ruhe. Wintervögel zwitschern gedämpft. Auf der Schneedecke kreuzen sich die Spuren der Biber. Hier in der Au ist Schnee weiß. Das verdient, betont zu werden.