Wie katholisch ist eigentlich das Weihnachtsfest in Europas säkularer Gesellschaft? Und wie geht die Kirche mit dieser Säkularisierung um? Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" gibt Österreichs Jugendbischof Stephan Turnovszky, Weihbischof in der Erzdiözese Wien, nicht nur auf diese Fragen Antworten, sondern blickt auch zurück auf die Jugendsynode 2018 und die Lehren, die Österreichs Kirchenspitze daraus gezogen hat. Und er erklärt einem Marswesen das Wesen des Weihnachtsfests.

"Wiener Zeitung": Herr Weihbischof, Europa ist der einzige tatsächlich säkulare Kontinent. Sie gehören zur ersten aktiven Führungsgeneration der katholischen Kirche, die sieht, was ein Säkularisierungsprozess in der Gesellschaft für eine Kirche bedeutet. Wie erleben Sie das?

Stephan Turnovszky: Ich bin kein Gegner der Säkularisierung, ich sehe in ihr viele Chancen, vor allem die Chance auf Freiheit für alle Beteiligten dadurch, dass Staat und Institutionen wie die Kirche nicht notwendig verknüpft sind. Der Staat redet nicht drein, wer Bischof oder Pfarrer wird; das gab es zur Zeit der Monarchie so nicht.

Die Trennung von der Macht ist also eine Befreiung, auch als Institution?

Ich möchte Freiheit für, aber nicht von Religion. In unserem Staat soll die Freiheit herrschen, sich völlig ohne Zwang zu welcher Religion auch immer zu bekennen - oder zu keiner. Aber ich bin ganz dagegen, Religionsfreiheit als Religionslosigkeit zu propagieren.

Und trotzdem hängt die Kirche noch an den Überbleibseln dieser einst engen Verknüpfung mit der politischen Macht, etwa bei den Feiertagen. Es gibt also durchaus eine gewisse Nostalgie nach den guten alten Tagen.

Ich würde lieber nach vorne schauen als zurück. Ich sehe es nicht als Nostalgie, sondern als Auftrag an die Kirche, nach wie vor auch politisch die Stimme zu erheben. Sie soll nicht parteipolitisch sein und Wahlempfehlungen abgeben, aber sie soll inhaltspolitisch sein. Und ich finde es richtig und auch unverzichtbar, dass sie sich zu Fragen der Gestaltung des öffentlichen Lebens äußert. Dazu gehört auch massiv der Lebensrhythmus, die Sonntagsruhe. Aber das Motiv darf nicht die rückwärtsgewandte Verteidigung alter Pfründe sein, sondern die vorwärtsgewandte Mitgestaltung der Gesellschaft.

Würden Sie, als Symbol der Gleichstellung, einen Feiertag an eine andere Religionsgemeinschaft abtreten?

Die Rede von den kirchlichen Feiertagen ist ja ein bisschen verwirrend. Der oft genannte Pfingstmontag etwa ist gar kein kirchlicher, sondern ein staatlicher Feiertag. Über den kann die Kirche gar nicht verfügen. Es gibt aber auch einige vom Konkordat geregelte Feiertage. Mir ist die Präsenz von Kirche im öffentlichen Raum wichtig, dazu gehören Zeichen, aber auch Zeiten. Ich halte einen gemeinsamen Rhythmus der Bevölkerung für wichtig. Aber ich hätte prinzipiell nichts gegen einen eigenen Feiertag für Menschen anderer Religionszugehörigkeit einzuwenden.