Aber raubt es Ihnen nicht den Schlaf, den Anschluss an die Debatten der Zeit zu verlieren, weil das intellektuelle Spitzenpersonal fehlt?

Nein, das Spitzenpersonal gibt es nach wie vor in der Kirche, und ich sehe auch den Spitzennachwuchs. Uns fehlt die Breite, aber ich habe überhaupt keine Sorge, dass wir das Spitzenniveau verlieren, vor allem aufgrund der Internationalität der Kirche.

Der Pastoraltheologe Paul Zulehner hat in diesem Zusammenhang einmal gemeint, die Kirche sei kein Fußballverein, wo die Masse oben in den Rängen zuschaut und unten einige über den Platz wuseln. Sondern jeder, der sich zugehörig fühle, müsse sich auf dem Spielfeld beteiligen. Sehen Sie da ein Gesundschrumpfen der Kirche auf einen harten Kern?

Mir gefällt dieses Fußballbild, aber ich verstehe es nicht in Hinblick aufs Gesundschrumpfen, sondern in Richtung einer Öffnung der Perspektiven und einer Überwindung des Klerikalismus, der ja bedeutet, dass die eigentlichen Akteure in der Kirche die Priester seien. Das hat das Zweite Vatikanische Konzil theologisch überwunden, wir haben es nur noch nicht vollkommen vollzogen. Wir sind in den verschiedenen Gemeinden unterschiedlich schnell unterwegs, um das Bewusstsein für die Beteiligung aller Getauften zu wecken.

Negativ formuliert bedeutet das aber, viel Arbeit, die bis jetzt bezahlte Hauptamtliche leisten, auf unbezahlte Laien abzuladen, die sich in ihrer Freizeit für die Pfarrgemeinde aufopfern.

Das ist noch immer aus der Perspektive heraus formuliert, die wir gekannt haben: Da gibt es Leute, die sind zuständig, ob nun bezahlt oder nicht. Es gilt, auch diese Perspektive zu überwinden. Das Leben als Christ ist nicht an Zuständige delegierbar, sondern geht jeden Menschen selbst an. Wenn mir der Glaube wichtig ist, engagiere ich mich dafür. Das kann ich innerhalb der Pfarre tun, aber auch außerhalb: in der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein, in der Gesellschaft.

Dazu passt Zulehners jüngste Studie, laut der fast 80 Prozent der Katholiken der Ansicht sind, man könne auch ohne Sonntagsmesse ein guter Christ sein.

Der Glaube zeigt sich gewiss vor allem außerhalb der Kirche, aber er nährt sich in der gemeinsamen Eucharistiefeier, ihrer wichtigsten Quelle. Ich glaube, dass ein Katholik, der lange Zeit von der Eucharistiefeier abgeschnitten lebt und das nicht bedauert, geistlich nicht mithalten können wird. In Japan haben die Gläubigen Jahrhunderte ohne Priester überdauert, aber sie haben gewusst, dass ihnen etwas fehlt. Gefährlich wird es, wenn es einem nicht mehr fehlt. Freilich hat die Qualität der Eucharistiefeier auch einen Einfluss auf ihren Nährwert. Ich leide da als Bischof viel mit Menschen, die keine ansprechenden Gottesdienste erleben.