2018 haben Sie an der Jugendsynode im Vatikan teilgenommen. Spüren Sie schon Folgen davon in Wien?

Wir haben danach bei der Vollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz im Juni junge Leute aus ganz Österreich eingeladen, mit den Bischöfen einen Nachmittag und Abend gemeinsam zu verbringen, ins Gespräch zu kommen. Mit den jungen Menschen im Dialog zu sein, war für die Bischöfe eine wesentliche Erfahrung. Meine Hoffnung wäre, dass wir das in die Diözesen weitertransportieren.

Immer weniger Jugendliche gehen in die Kirche. Hat sie ein Nachwuchsproblem?

Ja, schon. Aber ich möchte es nicht so lösen, dass wir junge Menschen rekrutieren, damit sie die Bankreihen füllen, sondern ich will auf sie zugehen, weil sie mir wichtig sind. Mich interessiert: Wie geht es jungen Menschen, was bewegt sie, worunter haben sie zu leiden? Bei meinen Visitationen an Schulen mit Religionsunterricht suche ich das Gespräch mit ihnen. Sie sollen Kirche als wohltuend, hilfreich und herausfordernd erleben.

Muss man die Heilige Messe als Event gestalten, damit sie attraktiver wird?

Ich kann zu Events ja sagen, wenn sie wohltuend und hilfreich sind. Für junge Leute gehören Events durchaus zu ihrer Lebenswelt. Aber es genügt sicher nicht, sich in der Jugendpastoral mit Events zu begnügen, denn junge Menschen haben auch Sehnsucht nach stilleren Ausdrucksformen.

Wie würden Sie das Fest Weihnachten einem Marswesen erklären?

Ich weiß, dass jeder Mensch eine Sehnsucht hat nach Liebe und Geborgenheit. Weihnachten sagt mir: Du bist geliebt von Anfang an. Gott selbst ist Mensch geworden, um das Menschliche mit dir zu teilen, auf eine Art und Weise, die jeder versteht: einfach und schlicht, im Stall. Das soll heißen: Gott hat Interesse an deinem Leben, so wie es ist. Und wenn du dich manchmal fühlst wie ein Mensch im Stall bei Ochs und Esel, wie ein kleines Kind, das in einer Krippe abgelegt wurde - es gibt keine Situation im Leben, in der Gott kein Interesse an dir hätte und nicht mit Liebe auf dich schaute.

Sehen Sie diese Kernidee von Weihnachten in unserer Gesellschaft noch?

Ich glaube, sie ist umso präsenter, je mehr die Menschen sich danach sehnen. Wenn jemand alles hat, was er braucht, ist es für ihn vielleicht keine besonders interessante Botschaft. Wenn ein Mensch aber seine eigenen Grenzen berühren musste, womöglich auch Kontakt mit der Grenze des Geliebtseins hatte, kann sie jedenfalls sein Herz erreichen. Die Frage ist dann noch, ob sie im richtigen Moment in der richtigen Sprache gesagt wird. Aber die Botschaft selbst ist für jeden Menschen aktuell, der Berührung mit dem Leid gemacht hat. Und das sind viele. Ich sehe eine Gesellschaft voller Sehnsucht.