Darf man als Mönch zum Habit eine Pokémon-Kappe tragen und in der Lederhose schuhplatteln, ohne peinlich zu wirken? Ja, wenn man Sandesh Manuel heißt. Wobei der Franziskanerpater für seine Musikvideos auch schon viel ulkigere Kleidungsstücke getragen hat als in seinem vergangenen Kärnten-Sommerhit. Spätestens seit dem Youtube-Video "Der Herrgott hot g’locht" kennt man den 40-jährigen Mönch, der vor 23 Jahren in Indien in den Franziskanerorden eintrat und seit mehreren Jahren in Wien lebt, auch in Deutschland. Fast 150.000 User haben die beiden Versionen seines Videos bereits angeklickt.

Dabei ist es nur eines von fast 150, die Pater Sandesh, der am Konservatorium klassische Gitarre studiert, bereits online gestellt hat; zuletzt etwa, passend zum bevorstehenden Heiligen Abend, auch "Stille Nacht" und "Nun freut euch ihr Christen". Für Furore sorgt er seit nunmehr zwei Jahren freilich vor allem mit seinen lustigeren Liedern. Die entstehen manchmal nach längerer Planung oder aber auch durch Zufall, so wie sein Kärnten-Hit. "Eigentlich wollte ich heuer mit einem Mitbruder nach Indien fliegen und ihm meine Heimat zeigen", erzählt Pater Sandesh. Weil aber Corona ihnen da einen Strich durch die Rechnung machte, disponierten sie um und fuhren stattdessen im Sommer gemeinsam nach Kärnten. Die dortigen Alpen kannte der indische Franziskaner schon vom vorigen Jahr. "Aber heuer habe ich auch die wunderschönen Kärntner Seen so richtig genossen. Überhaupt haben wir sehr viele Ecken dort besucht." Und weil ihm schon im ersten Kärnten-Urlaub eine Lederhose geschenkt worden war und Pater Sandesh bekanntlich ein Faible für ungewöhnliche Musikvideos hat, warf er sich spontan in die Landestracht und trällerte am Fuße der Karawanken "Der Herrgott hot g’locht, wie er Kärnten hot g’mocht" - und zwar in einem urigen Dialekt-Rap mit indischem Akzent.

Ein Lied für jedes Bundesland

Nachdem auch dieses Lied viral geworden ist und Österreich ja neun schöne Bundesländer hat, steht für Pater Sandesh fest: "Ich werde jedem Bundesland ein eigenes Lied widmen. Im Jänner wollen wir drei Tage lang durchs Burgenland reisen und dort auch ein Lied aufnehmen." Seine Wahlheimat Wien, die ihn inzwischen stark geprägt hat, kommt "als Sahnehäubchen" zum Schluss dran. Da ist dann natürlich die Frage, was er hier wohl besingen wird: das klischeehafte Granteln, die Morbidität mit dem Zentralfriedhof oder doch die Heurigen-Weinseligkeit? Ersteres kennt er leider aus eigenem Erleben: "Wenn ich nicht im Habit unterwegs bin, sondern in normaler Straßenkleidung, sehen die Leute in mir leider allzu oft den schwarzen Ausländer", erzählt der dunkelhäutige Inder. Besonders schlimm war für ihn eine Begegnung im ersten Lockdown. "Da hat mir auf der Mariahilfer Straße eine ältere Frau direkt ins Gesicht geschimpft: ‚Scheiß Ausländer, wegen dir bekommen wir Corona!‘ Im Habit wäre das sicher nicht passiert. Aber ich bin ja auch ein Mensch, wenn ich nicht die Ordenstracht trage." Trotzdem hat er das Gefühl, dass die Gesellschaft insgesamt durch die Pandemie und auch nach dem Terroranschlag vom 2. November ein Stück zusammengerückt ist. "Aber ein gewisser Prozentsatz von Leuten wird wohl so ausländerfeindlich bleiben."

Apropos Corona: Wie fühlt sich eigentlich ein Lockdown im Kloster an? "Das Klosterleben ist im Grunde ein einziger Lockdown", meint er schmunzelnd. Nachsatz: "Wir haben natürlich auch Kontakte nach draußen. Gerade auch in der Pandemie habe ich versucht, mit älteren Leuten Kontakt zu halten, via Telefon oder Skype, auch mit Live-Segen. Und sollte zu Weihnachten wieder Gottesdienste ausfallen müssen, möchten wir sie online streamen." Aufs Klosterleben selbst hatten die Lockdowns kaum Einfluss. "Wir sind hier ein Dutzend Mitbrüder, die als ein gemeinsamer Haushalt gelten, so können wir weiterhin gemeinsam beten und essen." Freilich muss man dann auch für ein Dutzend Personen einkaufen: "Da haben die Leute im Supermarkt manchmal ganz schön geschaut. Die haben wohl geglaubt, dass wir hamstern."

Heuer mehr Besinnliches

Die Corona-Krise fordert auch ihren Tribut hinsichtlich seiner Musikvideos. Pater Sandesh hat heuer weniger lustige Aufnahmen gemacht, sondern mehr besinnliche Lieder gesungen. Die Rückmeldungen bestärken ihn in seinem Tun: "Durch dich habe ich zum Glauben gefunden", hat ihm zum Beispiel jemand geschrieben. Oder: "Deine Lieder tun so gut. Wenn ich traurig bin, schlafe ich damit ein." Was als Hobby begonnen hat, ist inzwischen zu einer richtigen Mission geworden. Als "Youtube-Missionar" will er sich aber nicht bezeichnen lassen: "Ich will nicht missionieren. Und ich will auch nicht als Priester von oben herab die Leute belehren, das hatten wir in der Kirche lange genug. Ich möchte einfach den Weg mit den Leuten gemeinsam gehen. Ich will auch nicht irgendeine Botschaft durch die Hintertür aufdrängen. Sondern das, was ich singe, das bin einfach ich. Ich möchte den Leuten mit meiner Musik ein paar schöne Minuten schenken." Sein Name ist dabei Programm: "Er bedeutet nämlich frei aus dem Indischen übersetzt ‚Frohe Botschaft‘", erklärt Pater Sandesh.

Sein ursprüngliches Ziel, jede Woche ein Video online zu stellen, hat er sogar übertroffen: In den vergangenen zwei Jahren, seit er im September 2018 damit begonnen hat, sind sogar bisher mehr als 140 Kurzfilme entstanden. Inzwischen hat er 8.792 Abonnenten - mehr als doppelt so viele wie nach dem ersten Jahr, als er mit der "Wiener Zeitung" zum ersten Mal über seine Musikvideos gesprochen hat. Im Herbst ist auch die deutsche TV-Sendung "Galileo" auf ihn aufmerksam geworden. Finanzieren muss er die Videos allerdings weiterhin von seinem Taschengeld, das er als Franziskanermönch haben darf. "Ich kriege aber manchmal eine Art Mönchsrabatt."

Finanziert aus eigener Tasche

Insgesamt sind noch vier weitere Personen beteiligt: Sein Musikproduzent ist der 29-jährige Tonmeister Elias Stejskal, der ihn damals zu Youtube gebracht hat. Die Videos schneidet Pater Sandesh selbst, hinter der Kamera stehen aber die beiden Filmer Marc Jarabe und Vesely Marek. Im Sommer hat er auch mit den beiden Musikvideoprofis Zeia Rahim und Yasin Rahim zusammengearbeitet, die er im Internet kennengelernt - und begeistert hat. "Als Jugendlicher finde ich Pater Sandesh wirklich cool", sagt Zeia, der wie sein Compagnon aus Afghanistan stammt und Muslim ist. Texthilfe bekommt Pater Sandesh von seinem Mitbruder Pater Elias Van Haaren, für den die Lieder "einen positiven Gegenpol zu dem ganzen Mist, den man sonst so zu hören bekommt", darstellen. Auch der Hausobere der Franziskaner in Wien, Pater Felix Gradl, findet diese Art der Verkündigung im Medium Youtube sehr positiv. Manche Texte zeigt im Pater Sandesh vorher, denn er übt immer öfter in seinen Liedern auch Gesellschaftskritik - freilich ohne die im Rap üblichen Schimpfwörter. Denn bei aller Coolness: So was gehört sich dann halt doch nicht für einen Mönch.

Zu Weihnachten hat Pater Sandesh zwei Wünsche: "Dass möglichst viele meinen Youtube-Kanal entdecken und abonnieren. Und dass ich vielleicht ein bisschen Hilfe aus den verschiedenen Bundesländern für mein aktuelles Liederprojekt bekomme."•